Meine Lieblingstankstelle ist menschenleer, es stehen Verkehrshütchen in der Einfahrt, die Leuchtwerbung flackert. In dem Moment als ich weiterfahren will, kommt sie aus der Waschstraße gestürmt und winkt mir zu. Ihre Gestik deute ich als: ich solle auf das Areal fahren und hinter der Tanke parken. Dort steht ein Tischchen, 5 Stühle, eine Kiste Bier, Ronny, Ahmed, Anja und der Azubi. Ich steige aus und begrüße alle – die Stimmung wirkt kühl. Ich frage den Azubi, ob er sich umsetzt, damit ich mit dem Wind im Rücken zu den Rauchern sitze und setze mich auf die fast leere Bierkiste.
„Was ist denn bei Euch los?“, breche ich das Schweigen. Während die dicke Indianerin mir einen großen Latte Macchiato und ein Croissant bringt, fängt Ronny unvermittelt an zu erzählen.
„Meine Mama war noch zu klein, um sich an den Krieg zu erinnern…“
„Unsere!“, korrigiert ihn die Indianerin.
„Jaja… aber Oma hat Früher immer mal erzählt, wie das war in Störmthal, dort wo sie während des Krieges hin ist, um nicht in der Stadt bombardiert zu werden. Manchmal hatte Oma dann etwas Pippi in den Augen, als sie erzählte: „Mein Karlchen wollte nicht in den Krieg, wer bäckt denn dann das Brot?, hat er immer gefragt.“
„Opa war Bäcker.“, erklärt mir die dicke Indianerin.
„Aber als uns die Polen überfallen haben, mussten ja alle, auch mein Karlchen …“
Ich blicke mich um, es ist ganz still an der Tanke. Fast alle schauen auf Ronny, nur der Azubi popelt hingebungsvoll, während er auf sein Telefon starrt.
Ronny erzählt weiter:
„Mama kannte Opa ja gar nicht, er war auf Heimaturlaub aus Frankreich da, 3 Wochen. Da haben Oma und er geheiratet und 9 Monate später ist Mama geboren worden.“
Anja lacht: „Hat also in der Hochzeitsnacht geklappt.“
„Mag sein… Als Mama zur Welt kam, war Opa schon tot.“, antwortet Ronny emotionslos. „Sie hat ihren Ehemann nie wiedergesehen. Er ist im Herbst 1941 in Russland gefallen.“
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es gerade kälter geworden ist, als Ronny diese Geschichte erzählt. Er holt tief Luft und erzählt weiter: „Und jetzt geht das wieder los?“ Ich schaue ihn total verdattert an – er bemerkt meine Verwunderung.
„Na klar bin ich weiter rechts angesiedelt, als Du oder meine Schwester. Aber 13% Blau-Braune ist nicht richtig.“ Anja, Ahmed und ich schauen uns verdutzt an.
Natürlich habe ich Sorgen um meine Sicherheit und um die meiner Freundin. Ich finde es Sch…e, wenn Millionen für Unterkünfte und Intregritation, oder wie das heißt, ausgegeben werden müssen. Aber so doof, dass ich Die dann wähle, bin ich nicht. Die können wachrütteln und auch mal die fiesen Dinge ansprechen, ok – aber Nazis im Bundestag? Das war doch schon bei den Republikanern voll daneben. Ist klar das die Petry geht, wenn die Gauleiter zur Jagt blasen, das ist keine Alternative.“
„Ich dachte Du wählst blau.“, gestehe ich ihm kleinlaut.
„Alter, hast Du ein Rad ab?!“, pflaumt er mich an. „Murrad ist mein Schwager!“
„Ahmed!“, sagen Ahmed, Anja und die dicke Indianerin wie aus einem Mund.
„Jaja, wie auch immer…
Dagegen sein, ist das eine aber brauchbare Alternativen zu Merkels Politik haben DIE BLAUEN (er macht mit zwei Fingern ein Adolfbärtchen) am allerwenigsten geboten.“
„Ich habe den Lindner gewählt!“, ruft die Indianerin „Der hat tolle Ansichten und ich hatte 78% Treffer beim Wahlomaten.“
Ronny bäumt sich auf „Scheiß Wahlomat, wenn es nach dem ginge, hätte ich die roten Socken wählen sollen.“
„Warum hast Du nicht?“, frage ich ihn. Mit großen Augen schaut er mich an.
„Weil Du gesagt hast, Extremismus ist nicht gut für Deutschland – weder links noch rechts. Und darüber hab´ ich nachgedacht.“
Ziemlich sprachlos reiche ich ihm die letzte Flasche Sterni aus der Kiste auf der ich sitze und frage: „Du hast über meine Worte nachgedacht, echt jetzt?“
Ich zweifle etwas, aber Ronny ergänzt: „Alle anderen haben mich für meine Ansichten ausgelacht. Mich Nazi genannt oder dumm oder Idiot …“
„Idiot hast Du auch gesagt… Aber wir am Tisch, haben uns immer im Frieden getrennt und konnten uns immer in die Augen schauen. Das werfe ich doch nicht für ein paar hole Versprechen weg. Wenn wir sechs das können, schaffen das alle anderen doch auch!“
…
Ich habe einen Kloß im Hals. Wenn mein Tankstellenfreund Ronny, den ich immer für blaubraun gehalten habe, über Gesinnung und Vorurteile nachdenkt, dann ist Hopfen und Malz noch nicht verloren.
Die Indianerin steht auf und verkündet, dass das Eichamt bald fertig sein müsste, ihre Zapfsäulen zu prüfen. Und sie müsse jetzt noch ein paar Brötchen schmieren und die Waschanlage hochfahren, bevor sie wieder öffnen könne. Der Azubi und Anja stehen auf, um ihr zu helfen. Ronny, Ahmed und ich bleiben zurück.
„Was hast Du gewählt, Murrat?“, stichelt es aus Ronny heraus. Ahmed holt sein Telefon raus und zeigt uns ein Bild, auf dem zwei Schwarze ein AFD Plakat ankleben.
„Die zwei fand ich gut, da habe ich die gewählt.“
Ronny steht mit offenem Mund da. „Das meinst Du nicht ernst!?“
Ahmed lacht laut los: „Ich weiß, dass Deine Anja beim Prüfen der völkischen Abstammung, genauso ausgebürgert wird, wie ich. Und das wäre doch schade um die 25%ige ungarische Altenpflegerin.“
Ronny lacht und klopft seinem zukünftigen Schwager auf die Schulter.
„Wo genau kommst Du eigentlich her?“
„Aus einem klitzekleinen Dorf bei Mönchengladbach.“ antwortet Ahmed grinsend.
„Murrat der Scheiß Wirtschaftsflüchtling.“ witzelt Ronny.
„Ronny der dumme Neonazi.“, kontert Ahmed.
Die beiden lachen sich einen Ast ab.
Ich bin raus, mein Glaube an eine bessere Zukunft ist gestärkt…
und das von jemandem, dem ich es nie zugetraut hätte …
Denken wir neu 🙂