Ögertours auf Bulgarisch

Man kann über Schwiegermütter sagen was man will – meine fetzt!

Natürlich hat sie, wie alle anderen auch, eine Reihe von Macken, die ich mir ungern aneignen würde und ab und an trainiert sie damit meinen Geduldsfaden kräftig. Aber im großen und ganz ist unsere Oma schon eine coole Sau. Gelegentlich gewinne ich den Eindruck, dass sie mit uns als Familie ganz glücklich ist und uns das irgendwie zeigen muss. Ein solcher Moment der glücklichen Zufriedenheit ereilte sie letztes Weihnachten, als sie uns einlud nach Bulgarien zu fliegen, um bei ihrer besten Freundin Urlaub zu machen.
Nun, die Sache mit der Freundin wurde schnell abgewählt und durch ein strandnahes Fünfsternehotel ersetzt – Bulgarien blieb. Der Tatsache, dass ich schon einen Portugal-Trip für meine 3 Herzchen organisiert hatte, ist es geschuldet, dass wir ohne Oma nach Bulgarien fliegen mussten, da die Freien Termine in unserem Kalender nur 4 Plätze im Reisebüro zuließen.

Fliegen – das war und ist der Grund für meinen Blog und auch dieses Mal komme ich nicht umhin, diese Erlebnisse mit dem gewillten Leser zu teilen.

Wir waren 2 Stunden vorm Start am Flughafen. Meine Frau glaubte dann mit Sicherheit in den Flieger zu dürfen, ich dagegen wollte mir in Ruhe die Mitreisenden anschauen. Eine gute Idee! Ich bin in Sachen Pauschalflugreise unerfahren und schwankte zwischen heftig amüsiert und extrem geschockt!
Die Stewardess sah aus wie eine ungeschminkte Version von Mireille Mathieu mit slawischem Akzent. Ihr Partner erinnerte mich an einen albanischen Türsteher, nur ohne Muskeln. Beide im Outfit der AIRVIA – schwarz, weiß, lila. Beide mit Absatzschuhen.
Sie mit ausgetretenen Pumps, die mal 2 Nummern kleiner waren, aber im Laufe vieler Jahre und Flüge langsam gewachsen waren und die Form ihres Fußes angenommen hatten. Er in einem Halbschuh der aus einem 50er Jahre Mafiafilm stammen könnte, Lackschwarz mit ca. 4 cm Absatz. Beide lieferten allein durch ihren Anblick ausreichend Ideen für ein Buch, zu Gunsten der Pauschaltouristen, verschone ich die Zwei jedoch.

Die Touristen in meinem Flieger waren die Kerze. Es war alles vertreten was mein Lästerherz begehrt. Horst der Taxifahrer; Mitte 50, mit Gattin Bettina; Verkäuferin in einer Kosmetikkette. Letzteres erkannte oder besser witterte ich trotz 5 Sitzreihen Distanz zwischen ihr und mir. Sie roch wie alle Duftteststreifen der letzten Woche auf einmal und hatte sich mit dem kompletten Sortimentswechsel-Angebot an Make Up bemalt.
Die Grünauer Version der Ludolfs; Opa, Vater, Mutter und Sohn. Der Opa war der scheinbare Grund für den Familienurlaub. Er schien als Einziger noch über liquide Mittel zu verfügen und seine Tochter Elke, hatte ihm wohl klar gemacht, die müssten am Goldstrand durchgebracht werden. Ihr Mann, so eine Art Bernd, bat im 15-Minuten-Takt die Stewardess, mal noch so eine „Mische“ zu bringen und Mireille lieferte, gegen 6.- € aus Opas Portemonnaie, bereitwillig die Wodka-Cola. Elke war scheinbar schon an den Flüssigkeitsverbrauch ihres Gatten gewöhnt und fragte stets nur, ob es diesmal schmeckt. Der Enkel; er sei der Einfachheit halber Tim genannt, war körperlich höchstens 15 Jahre alt und geistig seit seiner Einschulung kaum gealtert. Kurz nach dem Start wollte er sich ein Bier bestellen, was Bogdan, der High Heels-Steward, ablehnte. Elke machte dem hörbar missmutigen Jungen klar, dass so was erst im Hotel ok wäre; „dortn hamm mir arlingklusiff.“ Es gab Momente während des Fluges, an denen das Bulgarische Personal deutlicher und fehlerfreier Deutsch sprach, als viele der Fluggäste. Es gab aber auch halbwegs normale Leute an Bord.

Ich hatte, wie immer, einen Gangplatz gebucht und saß mit einer Oma und Ihrer Enkelin in einer Reihe. Mama musste eine Reihe weiter vorn am Fenster Position beziehen. Die drei waren wie die Damen vom Grill. Ohne Rücksicht auf ihr Umfeld, unterhielten sie sich miteinander über Themen die sie interessierten: der neue Freund der Mutter, was er verdient, wie er küsst, wo er rasiert ist – Omas leichte Inkontinenz und wie sie damit umgeht – die Abneigung diverser Jungs gegen die Enkelin und woher die wohl käme. Die drei Grazien rätselten geraume Zeit des Fluges über den letzten Punkt. Nach einer Weile fiel mir auf, dass die potentiellen Verehrer der Enkelin, sie stets erst dann sitzengelassen hatten, nach dem sie mal bei ihr zu Hause waren. Mutter und Oma philosophierten weit ereilend, dass die Wohnung geputzt und Küche, Stube und Ihr Zimmer aufgeräumt waren; das konnte es also nicht gewesen sein. Als mir klar wurde, dass die drei Mädels in einer Art WG oder Kommune zusammenlebten, verstand ich die Jungs; die sich sicher nicht vorstellen konnten, am ersten Morgen danach, mit Oma und Mama am Frühstückstisch Details zu erörtern.

„Schwester, bringse ma noch sone Mischö“ – Bernd plünderte die Alkoholreserven des Bordpersonals. Sein mittlerweile rosaroter kahler Kopf ruhte auf dem käsigen Oberkörper, den er lieblos in ein Unterhemd gepresst hatte. Reichlich Haare und Körpergeruch hüllten ihn ein. „Endlich mal raus ausm Alldach“ sprach er gelassen, als Bogdan ihm die bestellte „Mische“ lieferte. Er kippte den viertel Liter Wodka-Cola wie einen Shorty hinter und wollte gleich einen neuen, während Opa noch den alten bezahlen musste.

Ein wenig graute mir vor dem Gedanken, mit solchen Figuren im Raum, den morgendlichen Kaffee trinken zu müssen…

„Bringste mir noch eenen vor die Landung?“ – Bogdan versuchte Bernd klar zu machen, dass der Wodka alle sei, mit dem die „Mische“ zubereitet wird. Bernd versuchte Bogdan klar zu machen, dass es ihm völlig Wurst sei, was er in die Cola mischt, solange es genug Alkohol enthielt. Geschäftstüchtig bot Bogdan statt dessen Whiskey-Cola an, mit echtem Bourbon, für nur 8.- € oder 15 Leva. Der Preis irritierte mich. Doppelt so viel wie alle anderen Getränke im Flieger und auch der Tauschkurs von 1:2 stimmte hier nicht ganz. Bernd willigte lallend ein und Bogdan ging Richtung Heck; ich folgte ihm. Dort mischte er 2/3 einer goldgelben Flüssigkeit, aus einer Flasche mit kyrillischen Buchstaben, mit 1/3 Cola. Vermutlich eine Art bulgarischer Alkoholiker-Urin.

Während ich vor der Toilettentür wartete, deutete ich auf die Flasche „Bourbon?“
Bogdan grinste mich an, antwortete etwas ungarisches und zwinkerte mir zu, ich ihm auch.
Wieder an meinem Platz angekommen, bemerkte ich, wie Bernd feststellte, dass 8.- € für so ein gutes Mischungsverhältnis ok sind. Sein Schwiegervater schimpfte gut hörbar, dass er es ja sowieso nicht bezahlen müsse. Elke fragte verwundert: „aba mir hamm doch arlingklusiff?“  Ihr Mann erklärt ihr liebevoll: „doch nisch im Flüscher, Du dumme Kuh!“ Und Timmey fragte dazwischen: „ aber im Hotel Beladschio darf ich dann auch was drinkne?“

Der Glücksmoment dieser Unterhaltung durchströmte mich wie ein Blitz! Die Ludolfs sind in einem anderen Hotel, welches ca. 5 km weit weg von unserem ist. DANKE! Der Pilot verkündete knacksend im Lautsprecher, dass die Crew die Kabine zur Landung vorbereiten soll, die Anschnallzeichen erleuchteten und ich freute mich auf Varna – ohne die Ludolfs in meiner Nähe…

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