Mitten in der Nacht, 3:00 Uhr versuchte die beste Ehefrau von allen, leise das Bett zu verlassen. Ich verriet ihr nicht, das ich die ganze Nacht wach war, weil ich aus einem mir unbekannten Grund nicht schlafen konnte. Halb vier sollte Abfahrt sein und sie setzte alles daran, diesen Termin zu halten. Mit liebevoller Bestimmtheit weckte sie unseren Sohn, meine Tochter war bereits munter und hatte volle Betriebstemperatur erreicht. Ein hastig eingefüllter Kaffee, ein Nutellatoast, eine Zigarette und Los. Tante Pissi und das Navi sprechen nicht ganz die gleiche Sprache. Ich bin der Ursache nicht genau auf den Grund gegangen. Zum einen ist die Mutter meiner Patentochter gebürtige Deutsche, das Navigationssystem unseres Taxis schien mir auf Grund des Dialektes ehr britisch. Der zweite, wohl gewichtigere Unterschied: Männer erfinden Satellitennavigation um nicht nach dem Weg fragen zu müssen, Frauen verfahren sich einfach. Es ist Nachts um 4.20 Uhr schwer möglich auf der Autobahn nach dem Weg zu fragen. So kam es, das wir um unser Ziel kreiselten wie der Ring um das a beim @. Der Unterschied zwischen ursprünglich errechneter und tatsächlicher Ankunftszeit betrug jedoch nur ein Paar Viertelstunden und so schien es mir wenig verwunderlich, als nach dem CheckIn auf der Infotafel bei unserem Flug ein „LAST CALL“ zu lesen war.
Auf die Frage ob sie sich noch etwas zu trinken kaufen könne, erklärte ich Emy, wenn sie jetzt nicht sofort rennen würde, dürfe sie nach Leipzig laufen. Ihr Antwort will ich hier nicht wortgetreu wiedergeben, sinngemäß war sie zwischen einem Onanierenden und dem Ende des Dickdarms angesiedelt, aber sie rannte. Endlich erreichten wir das Gate und die Angestellten dort wirkten genauso erfreut darüber wie wir. Vermutlich war ihre Freude aber darin begründet, das sie unser Gepäck doch nicht ausladen mussten. Wir waren die letzten die den Flieger betraten. Von den ca 10 freien Sitzplätzen befanden sich 3 hintereinander in Reihe 11 bis 14. Ja es hat mich auch verwundert, aber auch bei Easyjet schein man dem Aberglaube zu erliegen und verzichtet auf Reihe dreizehn. Diese Sitze eroberten meine Kinder mit ihrer Mutter. Emy und ich fanden je ein lauschiges Plätzchen in Reihe 28 und 29, gegenüber der hinteren Toilette. Das sich das als etwas unangenehm erweisen sollte, merkte ich erst nach dem Start. Zum einen war es bei dem gepolter welches die Stewardessen hinter mir veranstalten, kaum möglich bei diesem Text zu bleiben. Viel intensiver war jedoch die vor dem Pissoir wartende Menschenmenge. Ich hatte das Gefühl, als würden die Urinalbesucher draußen Schlange zu stehen um einmal in meiner nähe pinkeln zu dürfen. Besonders anregend empfinde ich dann immer die typisch englische Dame, die ihre geschätzten 75 Jahre mit Unmengen an MakeUp und süßlichem Parfüm auf unter 50 zu drücken versucht. Sie stand geraume Zeit neben mir und nur die kurzen Momente, in denen die bordeigene Klimaanlage mir das Atmen erlaubte, sicherten mein Überleben. Ein Mitarbeiter von Easyjet musste in den letzten Tagen meinem Blog gelesen haben. Irgendetwas war anders. Es dauerte eine ganze Weile bis ich feststellte das die Stewardessen nicht dem erwarteten Bild der Ballerinas tragenden Pummelfee entsprachen. Keine der Damen war mit Joggingschuhen bestückt und alle samt schienen nur wenig übergewichtig sein. Nicht desto trotz, gab es genügend amüsante Auffälligkeiten. Die Teamchefin fiel mir als erstes aus. Ihre geschätzten 6 Fuß Körpergröße die sie dank schwarzer Pumps erreichte, hob sie auf angenehme Art und Weise von ihren ehr Zwergenhaften Kolleginnen ab. Das Figurbetonte Kostüm stand ihr ausgezeichnet. Lange schlanke Beine reichten vom Pfirsichpopo unter dem knielangen, knapp sitzendem Rock hervor, bis zum Kabinenboden. Die dunklen, fast schwarzen Haare trug sie zu eine tennisballgroßen Knolle geformt. Ich saß auf einem Sitz am Gang und konnte sie gut beobachten, wärend sie Snacks und Getränke an die vor mir Sitzenden verkaufte. Sie stand mit dem Rücken zu mir und im nachhinein wünscht ich mir, es wäre so geblieben. Es kam der Zeitpunkt an dem sämtliche Kaffeekannen auf dem Bollerwagen entleert waren und die Teamleiterin entschloss sich im hinteren Ende des Fliegers neuen Kaffee zu holen. Ihr erinnert Euch, dort saß ich. Sie drehte sich also um und machte sich auf den Weg zu mir und meiner Toilette. Ich bin ein Mann und angefüttert, von dem was sie bis dato in Aussicht gestellt hatte und kleiner gedanklicher Ergänzungen meinerseits , wandte ich meinen Blick nicht von Ihr. Da war es wieder, das Vorurteil gegenüber Britischen Frauen. Das schwarze Brillengestell neueren Modells gab ihr etwas von strenger Lehrerin, auch wenn es etwas unpassend zu den darin platzierten Glaskugeln wirkte. Schlagartig wurde mir klar, das ihre Frisur nicht nur hochgesteckte Haare waren sondern auch eine Art Gegengewicht zu dieser Brille enthalten mussten. Versteht mich nicht falsch, für ihr Manko in der Sehstärke kann sie nichts und das wäre als solches nicht erwähnenswert gewesen. Einzig die Bauform der Gläser weckte meine Aufmerksamkeit. Ein befreundeter Optiker verriet mir mal, das auf Grund moderner Technologien selbst eine Linse mit starker Brechung, sehr dünn gehalten werden kann. Die Bauform des Glastropfen war hier der Grund für meine Aufmerksamkeit. Die Dinger, die die Brille auf der Nasenwurzel halten, hatten bereits Vertiefungen in die Nase gepresst, die rotumrandet weithin sichtbar waren. Ich ließ meinem Blick zu ihrer, am Bollerwagen fleißigen Kollegin wandern. Sie trug keine Brille und das Meiste von ihr war durch den ca 4 Fuß hohen Servierwagen verdeckt. Ich erblickte ein junges Mädchen, mit einem auffallendem Lächeln, welches jedem Zahnarzt das Herz öffnete. Blendend weiße Zähne, ohne Fehlstellung zeigten sich da. Ohne nachzuzählen schätzte ich, das sich alle 32 Zähne im vordersten teil des Oberkiefers befanden. Ihre freundliches und sehr breites Lächeln glich dem eines Haflingers. Dies ist auch die beste Beschreibung für den Gesamteindruck. Ein relativ kleiner Kopf mit breiter und langer Stirnpartie und großen Augen. Ihre haflingertypisch fuchsfarbenen Haare trug sie als eine Art Helm, welche mich ein wenig an einen aus Legosteinen gefertigten Darth Vader Hut erinnerten.
Alles in allem waren die 85 Minuten Flugzeit trotz oder gerade weil wir weit auseinander gesessen haben, ganz erträglich. Das nächste Highlight war die Passkontrolle. Zugegeben, der Polizist mühte sich sichtlich die über 200 Fluggäste schnell abzufertigen, aber das ging alleine halt nicht so schnell. Die 30 Minuten Anstehen vergingen wie im Flug. Gut eine Stunde nach der Landung, war unser Gepäck im Auto verstaut und die Parkhausschranke verweigerte uns die Ausfahrt. Eingefahren sind wir vor einer Woche mit Hilfe meiner EC-Karte und ich sollten diese, laut Internetbuchungsbestätigung, auch beim Verlassen nutzen können…theoretisch. Auf Grund der Bauarbeiten am Airport, hatte ein Baggerfahrer am gestrigen Tage die Datenleitung zw. Rechenzentrum und Parkhaus zertrennt und der Schranke so die Möglichkeit genommen, uns als zahlende Heimreisende zu identifizieren. In einem Pförtnerhäuschen unweit der Schranke thronte ein Mann der, sichtlich amüsiert, über meine Fluchtversuche nach nur 5 Minuten Hilfe anbot. Nach dem ich das „Hee, Sie da“ vernommen hatte, ging ich zu ihm. Ich bin mir sehr sicher, das er schon vor dem Pförtnerhäuschen dort war und dieses dann um ihn herum gebaut worden ist. Er füllte den Innenraum nahezu vollständig aus und konnte die an beiden Seiten des Verschlages angebrachten Servicefenster bedienen. Er erklärte mir das Missgeschick des Baggerfahrers und auch, das er nun Tag und Nacht hier Abreisewilligen ein Ausfahrticket geben müsse und kaum noch nach Hause käme. Ich rätselte ob er von oben aus dem Häuschen oder ob dieses über ihn hinweg gehoben würde. Als er von der Mühseligkeit seiner Toilettenbesuche berichten wollte, griff ich das Ausfahrticket und verabschiedete mich freundlich. Wenige Minuten später glitt unser Pampersbomber über die Autobahn nach Leipzig. Vom nächtlichen Aufbruch und 3 halben Reisetabletten betäubt, ruhten meine drei Goldstücke auf der Rückbank. Meine Patentochter verbrachte die Reise Nintendo spielend auf dem Beifahrersitz, nicht ohne alle 20 Minuten die obligatorische Frage nach der verbleibenden Reisedauer zu stellen. Dienstag Mittag verließen wir unser Gefährt um etwas übermüdet aber gut erholt, dem heimatlichen Alltag entgegenzugehen.