Traditionell ist bei uns Sonntag der Familientag. Nun ist es ja schon die ganze Woche so, das wir auf einem Haufen kleben, so wie diese schwarz-silbrigen Fliegen dicht gedrängt auf dem, was Javas Frauchen in der Tüte einsammelt. Familiensonntag in England bedeutete dieses mal: den Gang raus nehmen und alles mit besonders viel britischer Gelassenheit anzugehen. Der beste Mintlammgrillmaster der Welt hatte darauf bestanden uns ein englisches Frühstück zu bereiten. Ich wusste nicht was mich erwartet und rechnete mir daher natürlich nur das beste aus. Mint… my favorit flavor! Pfefferminztee, Grünbrauner Brotaufstrich… so eine Art After Eight Nutella, dazu Lammpasteten, Pfefferminzmarmelade und natürlich Toast. Alles was weder mein Herz noch mein Magen begehrt, habe ich erwartet und nicht bekommen. Sean kredenzte gebackene Bohnen, gebratenen Schinken, gegrillte Wurstelchen, Pilze, Spiegeleier und natürlich Toast. Zugegeben, dem unwissenden mitteleuropäischem Kind, war anzusehen, daß es nicht verstehen konnte, was Würstchen und Bohnen mit Frühstück zu tun haben. Wie auch immer, es gab keine Reste! Wir stopften auch das letzte Würstchen in den ohne hin schon bohnengeblähten Bauch. Die Tatsache, das es mir gerade die gebackenen Bohnen angetan hatten, sollte ich noch früh genug bereuen. Nach gut 2 Stunden Sonnenbaden im Garten von Tante Pissi und einigen Verdauungszigaretten entschlossen wir uns, in einen der unzähligen umliegenden Parks zu fahren. Wir entschieden uns für eine Art Abenteuerspielplatz mit zugehörigem Kletterwald. Natürlich blieb ich auch bei der nur fünfzehnminütigen Anreise nicht von dem obligatorischen „Ich muss mal lullern“ meiner kleinen Prinzessin verschont. Die zweite Sehenswürdigkeit nach dem kreditkartenfressenden Ticketautomaten, die wir in dem Park aufsuchten, war die öffentliche Toilette. Die unterschied sich kaum von einer deutschen Autobahntoilette, mit dem kleinen Unterschied, das der typische Ammoniak-Urinsteingeruch fehlte und durch… wie sollte es auch anders sein, Pfefferminzaroma ersetzt war. Der zugehörige Kiosk bot zu sehr moderaten Preisen Coffee & Icecream ohne dabei auf das britischen Primäraroma in Soßenform zu verzichten. Auf, in den Kletterwald. Drei von Vier Eltern waren spontan bereit, meinen Zwillingen beim erklimmen der Adventurestrecke vom Boden aus Hilfestellung zu geben. Mir blieb der freie Slot für den Explorerway. Eine Strecke mittlerer bis hoher Schwierigkeit, die geübte Kletterer in ca. 75 Minuten hinter sich bringen sollten. Meine Lieblingspatentochter und ich schlossen sich einer Gruppe Todesmutiger Grundschüler an. Es dauerte gut fünf Minuten bis wir die Einweisung und das Anlegen des Gurtzeuges hinter uns hatten und losklettern wollten. Genau in diesem Moment kam mir die Erinnerung an das Frühstück. Hätte ich den keramischen Pfefferminztempel vorm Start nochmal aufsuchen sollen?? Zu spät, Emy war bereits 20 Yards vor mir und ich musste mich sputen ihr zu folgen. Wie in jedem Kletterwald, gab es auch die diesem, verschiedene Elemente die in unterschiedlichster Weise Balance, Kraft, Geschicklichkeit und Mut erforderten. Meine Patentochter ist 11 und wenigstens beim Mut wollte ich ihr Paroli bieten. Die kleine dicke Rothaarige, die vor uns kletterte kam mir unbewusst zu Hilfe. Sie bewältigte den Parcours mit einer Geschwindigkeit, die auch eine beinamputierte Schildkröte nicht unterbieten konnte. Sie verhedderte sich in ihren Sicherungsleinen, klemmte sich ihre feurigen Haare in einer Seilwinde und stürzte Kopfüber von einem Balanceelement in die Tiefe. Die Gelegenheit nutzte ich auch gleich, um Emy zu erklären worin der Unterschied zwischen einem Normalen und einem Maurerdekolleté besteht. In den gut 5 Minuten die Miss Marshmellow in ihrem Harnes hing wie ein Maikäfer auf dem Rücken, boten genügend Gelegenheit, detailverliebte Erklärungen bildhaft darzustellen. Fasst hätte ich die gebackenen Bohnen dabei vergessen, die Bohnen jedoch nicht mich. Nun lässt ein Gurtzeug wenig Bewegungsfreiheit, und damit kaum die Möglichkeit leise zu atmen. Glücklicher Weise war das nächste Kletterelement ein ca 50 Yard langes Seil an dem man sich runterrollern lässt. Das Seil führte zwar knapp über einen gut besuchten Fußweg, aber sämtliche Zuschauer vernehmen lediglich einen lauten langanhaltenden Tarzanruf. Emy erklärte der vor uns kopfüber im Spinnennetz hängenden Pummelfee, das ihr Godfather immer solch lustig Dinge tue. Das war der Wink Gottes! Immer wenn die Bohnen in meinem Bauch ihrem Ruf folgten, stieß ich beim nächst passenden Element auch einen Ruf aus. Zwischenzeitlich hatte das rothaarige Fastfoodopfer eingesehen das Emy und ich die besseren Kletterer sind und uns bei ca 30% der Strecke überholen lassen. Zwei Stunden später besuchten wir erneut den Minzkiosk. Ob wohl der Duft wirklich nicht mein Liebster ist, war ich froh, diesen zu wittern.
Den letzten Tag unseres Aufenthaltes waren wir allein in Tante Pissis House und verbrachten diesen kleinen und größeren Abreisevorbereitungen. Zu Fuß machten wir uns auf den Weg zur örtlichen Poststelle um Briefmarken zu erwerben und die unzähligen Karten an die buckelige Verwandtschaft in eine rote Mülltonne zu werfen, die sich erst bei genaustem Hinsehen als Briefkasten entpuppte. Ein kleiner Einkaufsausflug, in den nächstgelegenen 24h-Store, rundete den Tag ab. Der besten Ehefrau von allen, war der Gedanke gekommen, das Abendmahl zu bereiten. So wechselte, gefühlt eine Tonne Reis und eine Hühnerfarm zzgl. diverser Kleinteile für unsere letzten Taler, in unseren Besitz. Auf dem Heimweg kehrten wir noch bei Shell auf einen Schluck SuperPlus ein. Schließlich steht uns ja noch eine 100 Meilen Anreise zum Flughafen London Luton bevor. Wie bei vielen Dingen, weicht auch das englische Tankprozedere vom kontinentalen ab. Wirklich anders ist es nicht, nur die Auswahl ist größer. Glücklicherweise haben wir einen Benziner. Dafür gibt es nur einen Kraftstoff und der ist spürbar günstiger als Heizöl für Selbstzünder. Man muss sich vor dem Tanken entscheiden, ob man an der Säule oder am Kiosk bezahlen will und im Kiosk steht die Auswahl zwischen Bargeld, Kredit- oder Debitcard. Nicht kompliziert, aber doch ungewohnt. Rückblickend auf diesen Tag, muss ich zugeben, das die erlebten Abenteuer einfach zu bewältigen waren. Sicherlich auch daher geschuldet, das uns Morgen ab 3.30 Uhr der Aufbruch zu den Landratten bevor steht. Weg von den Inseläffchen, dem Pfefferminzaroma und dem Linksverkehr. Hin zu den linksüberholenden, hektischen und aromamultiplen Europäern. Dem Aufbruch sehe ich mit einem lachendem und einem weinendem Auge entgegen. Hier ticken die Uhren einfach anders, nicht nur eine Stunde später, auch langsamer und leiser. Die Briten sind erfüllt von Nationalstolz, den sich in Deutschland keiner mehr zutraut. Sie zelebrieren all ihre Eigenarten mit einer Hingabe die Ihresgleichen sucht. Sie tragen sich wieder besseren Wissens, sogar mit der Meinung gute Fußballmannschaften zu haben. Ich habe in keinem Gespräch das 4:0 der WM erwähnt, aber oft schmunzelnd dran gedacht. Beim nächsten Besuch werden Burgen, Schlösser und weitere Parks erobert und mit unerschütterlicher Sicherheit ein weiterer Sieg im Laser-Tag errungen. We were awesome!
Wir werden, zu viert angereist, zu fünft nach Deutschland heimkehren. Die nächsten Abenteuer erwarten uns also schon!
Liebe Pissi, lieber Sean, es war uns eine Ehre!
Ich hatte ja schon etwas daran gezweifelt, aber Tatsache ist: Ein Holly, ein Wort ;). Der neue Eintrag ist da!
Ich hoffe, dass von sich von nun an alle Leute ein Beispiel an deiner recht vornehmen, nahezu britischen Ausdrucksweise nehmen und fortan das böse Sch-Wort durch „Das, was Javas Frauchen in der Tüte einsammelt“ ersetzen :))).