Das große Krabbeln…

Vor einem Jahr war die Welt gut zu mir, meine Kinder pflegeleicht, meine Freizeit reichlich bemessen und die darin zu verrichtenden Tätigkeiten überschaubar.Diese Umstände und das freundliche Lächeln unserer Klassenlehrerin, gepaart mit einem Fußtritt meiner Banknachbarin ließen mich einwilligen, als Begleitperson der Klassenfahrt der Klassen 3 a-c  beizustehen.  Das es ehr um ein Überstehen geht, war mir…von freudigen Erinnerungen an meine Klassenfahrten benebelt… nicht klar.

Die beste Ehefrau von allen motivierte und bestärkte mich zu freiwilliger Meldung. Im Nachhinein ist mir klar, sie wollte Ihre Babys unter Beobachtung wissen, mit Hilfsbereitschaft dem Klassenkollektiv gegenüber, hatte das wenig zu tun.  Wie auch immer, letzten Mittwoch gegen 8:30 Uhr stand ich umringt von ca. eine Million tobender schreiender Knirpse auf dem Hof der Geschwister-Scholl-Grundschule und bereute wieder einmal bitterlich, auf die beste Ehefrau von allen gehört zu haben. Doch das freundlich Lächeln unserer Klassenlehrerin und die bevorstehenden 3 Tage Baustellenpause ließen mich Mut und Kraft schöpfen. Schnell sortierten sich die Gruppen zusammen, Kinder und Eltern die sich kannten bildeten Grüppchen, Väter freuten sich auf drei freie Tage mit ihren Frauen, Mütter freuten sich auf Freitag, den Tag der Rückkehr. Worauf sich die Wänster freuten, blieb mir im Detail verborgen. Da es sich um Klassenstufe drei handelt, mutmaßte ich, der Alkohol und Zigarettenkonsum würde sich in Grenzen halten und auf die nächtlichen Orgien wären überschaubar in Menge und Ausmaß.

T minus 30 Minuten:  „Der Bus kommt…“ Ein kurzer Moment der Ruhe weht über den Schulhof. Wie beim Start einer russischen Trägerrakete des Typs Proton, war es eine Sekunde lang still, bevor Ohrenbetäubender Donner die Massen in Bewegung brachte. Erst ganz langsam und dann immer gewaltiger drängten die Kinder zum kleinen Hoftor und rissen alles mit was sich in den Weg stellte. Eltern, Lehrer… mich. Irgendwo hatte ich mal gelesen, wer von einer Lawine erfasst würde, sollte auf ihr mitschwimmen… Ich schnappte meine Reisetasche und glitt auf einem donnernden Schwall Kinder zum Bus.

T minus 15 Minuten: Die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt lassen sich recht einfach beschreiben: Alle Kinder in den Bus, etliche Mamas hinterher, Mamas raus, einige Kinder heulen drinnen, einige Mamas draußen, Väter belehren ihre Söhne, Söhne ignorieren Ihre Väter. Die Kinder bekommen das übliche „sei fein lieb“ und das „höre was der Lehrer sagt“ mit auf den Weg gegeben. Die ersten Krabbler sind in ihren Sitzen versunken und geben sich einem Comic oder ihrem iPod hin, andere tauschen ihre Lego® Starwars© Karten, ein oder zwei sind eingenickt weil sie vor Aufregung über die erste Klassenfahrt nur wenig geschlafen haben.

T minus 3 Minuten: Hinter dem Fahrer sitzt ein kleines Mäuschen und schaut recht traurig drein…sie ist seit 10 Tagen die Neue in der Klasse, niemand wollte neben ihr sitzen… Mama und Oma stehen draußen neben dem Fenster und bestärken sie beim Traurig sein durch recht nutzloses gemeinsames Heulen. Unsere Klassenlehrerin setzt sich zu ihr und baut sie mit ein paar kuschelig motivierenden Worten wieder auf. Ich hab sie auch gehört und schöpfe wieder Mut für die kommenden 3 Tage.

T minus 1 Minute: Der Busfahrer startet den Motor, die Türen werden verriegelt, die beiden im Bus befindlichen Lehrerinnen zählen ob ausreichend Kindez dabei sind, mit einem schnellen Blick in die Spiegel versichert sich unser Pilot, das sich keine Mama draußen am Bus festgebissen hat… erste Gang…. Lift off…. 55 Stunden Wahnsinn starten.

Nach einer überraschend ereignislosen Fahrt erreichen wir das Basislager in Dahlen. Während sich die Organisatoren der Anmeldeprozedur hingaben, versammelten sich die ca. 70 Kinder samt deren Gepäck auf der Eingangstreppe zur Jugendherberge… zumindest versuchten alle auf die 3×4 Meter große Treppe zu klettern. Tumult, Chaos, Quetschungen, Tod oder schlimmeres drohten sich an und ließen sich auch von dem liebevoll in die Massen gehauchtem „Vorsichtig Kinder, passt auf“ nicht abwenden.

Mein Einsatz schien gekommen. Ich trat meine Zigarette aus, die ich blickgeschützt hinter dem Bus geraucht hatte. Meine Reisetasche geschultert, stellte ich mich Mittig vor die Treppe, formte Daumen und Zeigefinger zum Ring und Pfiff auf diesem mit aller Kraft. Was bei meinem Kinderchen seit Anbeginn ihrer Zeit funktioniert, sollte doch auch hier klappen. 4 Kilohertz mit 113 Dezibel pressten sich erbarmungslos über jedes Geschrei und jeden Ipod in die Ohren aller Anwesenden und verliehen dem anschließendem „runter da und alle in eine Reihe stellen“ so extrem Nachdruck, das aller Treppenstürmer sofort die Empore verließen, auch die Erwachsenen. Irgendwo aus dem langsam aufkeimenden Gemurmel vernahm ich eine Lehrerin zu sagen „gut das ein Mann ist, der sich durchsetzen kann“… sie kennt mich scheinbar nicht näher.

Nach dem Check In wurden Zimmernummer preisgegeben und die Gruppen stürmten lauthals die Basis. Ich hatte Zimmer 5, eine Einzelzelle moderner Bauart. Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und ein Waschbecken. Die Bettwäsche hatte ich mir auf dem Weg zum Zimmer mitgenommen und nach 10 Minuten war mein Schrank gefüllt und mein Bett vorschriftsmäßig bezogen und rechtwinklig gefaltet…. Nun durchschritt ich die Jungszimmer der 3a um den gleichen Zustand vorzufinden, was mir natürlich nicht gelang. Einige der Racker hatten gar nicht vor in Bettwäsche zu übernachten, andere haben sich bei dem Versuch ihr Bett zu beziehen, in ein Bettlackengespenst verwandelt. Mit 3x vormachen und einigen Tips konnte ich die Situation ins Loot bringen. Das freundliche Lächeln unserer Klassenlehrerin zeigt mir, das meine Methode die Jungs an ihr Ziel zu führen, wohl doch nicht allzu sehr mit ihren Vorstellungen kollidierte. Die Zimmer hatten sich Teamnamen ausgesucht.. die Starken und die Kohlköpfe, die sie dreifach und lauthals nach meinem „wer seid ihr?“ durch das Haus riefen… Es klang wohl ein bisschen wie bei der Armee, aber meine beiden Sealteams hatten sichtlich Spass dabei. Kasim, ein Junge aus Max´ Zimmer flüsterte meinem Spross zu „Dein Papa ist richtig cool“ Das ging runter wie Öl und bestärkte meine durch 70 Kinderstimmen ins wanken geratene Selbstsicherheit. Schließlich entgeht Kindern kein Fehler oder Missgeschick und das wollte ich ja vermeiden.

Um 12 Uhr sollte es Mittag geben und danach ist eine Försterwanderung geplant.

Mittagessen… Raubtierfütterung traf es ehr. Blöd, das die Essensausgeberinnen die Geschwindigkeit eine hüftkranken Schildkröte zeigten und sich der Fütterungsvorgang doch sehr in die Länge zog. Den Ohrenbetäubenden Lärm der Protonrakete beendete mein Pfeifton und kaum 30 Minuten später konnten auch die Erwachsenen hastig etwas nahrhaftes in sich hineinschlingen. Seit der Klassenfahrt trage ich mich mit dem Wunsch, Magengeschwüre als typische Berufskrankheit des Erziehungswesen zu bezeichnen. Die Försterwanderung sollte mich den verschiedenen Kindercharakteren der 3 a näher bringen. Wie in allen anderen Schulklassen auch vertreten, zeigten sich recht schnell die Vertretenen Gattungen: Labertasche, Mitleidfarmer, Verzogenes Balg, Mauerblümchen, Mitläufer, Bummeltriene u.v.m.

Ich glaube es war J.W.Goethe, der mal sagte „man muss Kinder nicht erziehen, sie machen sowieso alles nach.“ Ich kann mir zwar immer noch nicht vorstellen, wer seinem Kind gelehrt hat, Tiere zu töten, aber ein paar Zornige Worte des Försters und eine strenge Disziplinarmaßnahme unserer sonst so sanften Klassenlehrerin verhinderten schlimmeres und so ließ nur ein Mistkäfer sein Leben und eine Nacktschnecke kam mit dem Schrecken davon. Weitere Vorfälle geistiger Umnachtung bezogen sich nur noch auf Wortwahl oder Missachtung von Anweisungen. Alles in allem ein sehr schöner und aufschlussreicher Nachmittag, der in einer abendlichen Raubtierfütterung enden sollte.

Danach ging es zum Schloss Dahlen. Besichtigung mit anschließender Nachtwanderung stand auf dem Plan. Beim Abendbrot gab nicht mehr Grund zu klagen, als bei allen anderen Mahlzeiten davor und danach… kaum Verletzte, wenig Blut.

Zum Abmarsch ins Schloss versammelten sich alle frisch gefütterten Quälgeister vor dem Landheim und spielten erwartungsvoll mit ihren Taschenlampen. Kurz nach dem Verlassen des Basislagers verließ unsere Klassenlehrerin den kürzesten Weg zum Schloss, um den Konvoi über einen Feldweg durch einen kleinen Park zu führen. Der Park gehörte zu der Ruine die sich in Machern Schloss nannte und hatte einen deutlich besseren Zustand als selbige. Er war intakt. Drei kleine Teiche säumten unseren Weg, in einem war ein Springbrunnen platziert, der im Gegensatz zu unseren Kindern leise und friedlich vor sich hin sprudelte. Eine Ente suchte das weite, als ein faustgroßer Stein unseren Sauhaufen verließ und in ihre Richtung flog. Es gelang mir nicht den Werfer auszumachen, so zogen wir weiter. Das Schloss, vielmehr dessen Überreste wirkte wie ein überdimensionaler Klotz, der von unten durch eine grüne Betonplatte geschossen wurde. Anfang der 70´er Jahre abgebrannt, vegetiert es seinem endgültigen Verfall entgegen. Ein paar Eingeborene zögern mit Hilfe von Sponsorengeldern den unvermeidlichen Witterungstod hinaus. Ein Paar dieser Leute empfingen uns am Eingang, trennten die Gruppe in zwei Teile und begannen die Führung durch die Schlossruine. Mehr oder weniger wissenswerte und reichlich langweilig uninteressante Schlossgeschichte wurde uns vorgetragen. Unser Dungeonkeeper fügte ab und an so überzeugend zeitgeschichtliche Verknüpfungen ein, das ich es im nachhinein für eine reife Leistung hielt, während meines letzten Schuljahres ein Verhältnis mit der Tochter meiner Geschichtslehrerin zu haben…nur um mir die Geschichtsprüfung zu ersparen.

Ich kapierte rein gar nichts und den Kindern ging es genau so wie mir. Es hatte den Anschein, als würde uns jemand die Bedienungsanleitung eines russischen Kernspintomographen auf Aramäisch vortragen. Der Bau hatte nichts Ansehnliches mehr und auch eine Folterkammer gab es nicht zu besichtigen. Endlich ging es heimwärts, die Nachtwanderung stand bevor. Eine der Lehrerinnen hatte deutlich mehr Angst als die Kinder und schlug vor, die befestigte Straße für den Heimweg zu wählen. Viele traurige kleine Gesichte und scheinbar umsonst mitgebrauchte Taschenlampen trieben mich dazu, den Feldweg durch den Park als einzig brauchbare Möglichkeit zu vertreten. Wir machten uns auf den Feldweg. Ängstlich Blicke, mit lauter Stimme überspielte Unsicherheit und Sorgenfalten waren deutlich erkennbare Zeichen in den Gesichtern der Pädagoginnen, als wir den Waldweg beschritten. Da keine Gespenster und Monster gebucht waren, kamen auch keine und wir erreichten die Herberge kaum 40 Minuten später. Der rumorende Haufen wurde zur Nachtruhe abkommandiert. Nach einigen lauten Worten meinerseits und der Androhung von nächtlichem Sport kehrte Ruhe in Bootcamp ein. „Wer nicht in 5 Minuten bettfertig ist, macht mit mir vorm Huas Liegestütze bis ich nicht mehr kann“… diesen Satz ließ ich in allen, mir anvertrauten Zimmern wirken. Die meisten der Geister hatten mich Nachmittags an der Tischtennisplatte beim liegestützen mit meinem Sohn gesehen und ahnten das ich a) ernst machen und b) lange durchhalten würde. In Max´s Zimmer ergänzte mein Lieblingssohn „oh oh, dann schlafen wir lieber, Papa kann echt viele Liegestütze, heute Nachmittag hat er mit mir 40 gemacht.“ Endlich war Ruhe und ich konnte den Schmerz in den Armen mit Rotwein betäuben, bevor ich meinen frisch bezogenen Schlafstein benutzen konnte. Ich verwende Schaumgummimatratzen, das schein aber bei Jugendherbergen unüblich. Der Wein ließ mich auch das ertragen. Der Schlaf war nötig und wichtig…Tag 2 war ja schon angebrochen…..

Ein Gedanke zu „Das große Krabbeln…

  1. Huhu Holly,

    klasse geschrieben!! Ich konnte Dich richtig vor mir sehen!!
    Aber eine Frage lässt mir jetzt keine Ruhe mehr…
    Was bitte ist ein Mitleidfarmer?????

    LG Netti

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