Fango für Kinder….

Bisher trug ich mich der Meinung, das nicht schlimmer sein als die gute Laune anderer Leute am Morgen nach einer durchzechten oder wie in meinem Fall sehr schlafarmen Nacht. Es gibt etwas deutlich Schlimmeres : Viele Kinder, egal welcher Laune. Da ich kaum geschlafen hatte, erhob ich mich missmutig von meinem Ruhestein, massierte die wundgelegenen Körperstellen um wenigstens die restlichen Nervenbahnen wieder mit Blut zu versorgen und schlappte zum Männerduschraum. Nahezu alle Anstaltsinsassen schliefen noch, den nach der späten Nachtruhe und dem aufregenden Tag war 5:53 Uhr einfach zu früh für die meisten Kinder. Ich schaute in den Spiegel als der Morgen graute, mir graute auch, viel kühles Duschwasser brachte meinen, recht betagten Kreislauf in Schwung und es gelang mir tatsächlich vor allen Anderen meine Morgentoilette, den Bettenbau und der Schuhputz abzuschließen. Der Tag kann kommen, dacht ich mir, während ich die Geschenke für unsere sanfte Lehrerin bereitlegte. Ja, sie hatte heute Geburtstag und viele der sonst, aus meiner Sicht, unerträglichen Terroristen hatten ein Präsent vorbereitet. Langsam begannen die Techniker den Start der Protonrakete vorzubereiten… stetig stieg der Geräuschpegel im Haus von Mucksmäuschenstill über Theatergemurmel auf Düsentriebwerksniveau an und erreichte gegen siebenuhrdreißig seinen Höhepunkt. Das Getöse hatte nun alle Langschläfer geweckt und jeder der unzähligen Minions begann auf seine Art und Weise mit dem Tag. Manche wuschen sich und putzten Zähne, andere Nehmen ein erstes Milkafrühstück in Form einer 300g Trauben-Nuss, einige spielten Starwars mit angeschlepptem Zubehör. Unsere Klassenlehrerin inspizierte die Räume ihrer Schützlinge mit dem ihr eigenen sanften Lächeln, welches heute besonders relaxt schien. Ein Umstand den ich ihrem Geburtstag zuschrieb. Dieser war auch der Grund, warum sie mehrmals an diesem Morgen mit einem lauthals dahingequäktem „Häbbie Börsdee Duu Juu“ überschüttet wurde. Mir blieb verschlossen, warum man an seinem Geburtstag zur Klassenfahrt fährt, wo man diesen doch mit ausgesuchten Menschen verbringen könne. Ich bin zu alt für diesen Kram, dachte ich mir, während ich die Protonrakete im Frühstücksraum zur Contenance pfiff und der so Angenehme geräuschlose Moment durch das tausendste Geburtstaglied niedergestreckt wurde.
Der Vormittag war frei, den die geplante Kremserfahrt wurde Abgesagt, nach dem der Wagenbesitzer unerwartet verstorben war. Vermutlich hatten unzählige Kinderfahrten mit ebenso vielen „ich muss mal“, „wann sind wir endlich da“ und „ich hab Hunger“ den letzten Funken Lebenskraft genommen oder ihn in der Selbstmord getrieben. Sicherlich würde er es mir im Himmel berichten, sobald auch ich durch etlichen Minions vom Suizidberg gestoßen bin. Tischtennis, Liegestütze, Hasche, Rempeleien… der Vormittag war dich gespickt mit vielen kleinen Kurzweiligen Programmpunkten und so kam es für die Taliban ganz und gar unerwartet, als die Protonrakete in den Speiseraum gerufen wurde, um die mittägliche Raubtierfütterung beginnen zu lassen.
„Am Nachmittag wandern wir nach Schmannewitz ins Bauernmuseum“ verkündete unser sanfte Lehrerin und ich grübelte ob das so eine gute Idee war. Zum einen konnte ich mir ganz und gar nicht vorstellen, ob es derart sehenswerte Bauern gab, daß man sie ausstellen konnte, andererseits taten mir die armen Bauern leid, die Wochentags von 9 bis 17 Uhr in einem Museum herumstehen mussten. „Zwölfuhrdreißig ist Abmarsch, denn die andere Gruppe war am Vortag über 90 Minuten dorthin unterwegs und wir wollen heute ja pünktlich ankommen“… war das die Herrausvorderung an mich oder nur so dahingesagt? Wie auch immer! Halb eins stand die 3a in Dreierreihe am Lagerausgang und wurde, fast im Gleichschritt von mir auf das 4200 Meter entfernte Ziel geschickt. „90 Minuten… das schaffen wir doch viel besser“ spornte ich die kleinen Seals an. Von der Geradlinigkeit meiner fast militärisch anmutenden Anweisungen begeistert, sangen wir sogar Marschlieder… mehr oder weniger zumindest….
Das Westerwaldlied scheiterte an Textsicherheit der Kinder, Alle meine Entchen passte nicht zum Schrittakt. Wir einigten und recht bald auf „aus den blauen Bergen kommen wir“ und ich erntete mit immer neuen Strophen, die Google mir aufs iPhone übermittelte, die Begeisterung der Kinder. Ein kleiner Strolch aus dem Zimmer meines Sohnes, den ich bereits als typischen Mitleidfarmer identifiziert hatte, verfiel erneut in diesen Modus. Mit „ich kann fast gar nicht mehr“ oder „nie darf ich ganz vorne Mitlaufen“ versuchte er sich durch erschnurrtes, grundloses Mitleid, einen Vorteil zu verschaffen (lG an Netti). Ich überlegt kurz ob es nützlich wäre, dem Zwerg Mitleid zu schenken, nachdem ich ihn „aus Versehen“ in einen Teich geschubbst habe, verwarf diesen Gedanken aber. Der kleine Kniebeißer, der fast ständig mit der Kapuze auf dem Kopf rumlief, war ja auch nur das Produkt, der Erziehung seiner Eltern. Die Kapuze trug er, weil alle Sithlord so was tun. Nun gut, dachte ich mir, versuch ich es mal mit der Macht. „wenn jemand in Meister Kenobis Team Kapuze tragen soll, dann sage ich das, den ich bin Meister Kenobi!“ Profunde Kenntnisse über das Starwarsuniversum sicherten mir schlagartig den Respekt des jungen Padawan und er folgte fortan willig meinen Anweisungen. Das machte ihn nicht erträglicher und so entschied ich mich, ihm die Aufgabe eines Scout nahezulegen. Mit etwas Spannung erklärt und die Wichtigkeit eines solchen Handels überzogen dargestellt, seppelte der junge Jediritter geschäzte 250 Meter vor dem Rest der Gruppe her, um uns vor nahenden Angriffen der imperialen Clonkrieger zu warnen.
Nach 74 Minuten Orientierungmarsch, 20 Lehrerfeindlichen Liederstrophen und mind. Drei vereitelten imperialen Angriffen, stand die Klasse 3a vor dem Gehöft, welches ein Bauernmuseum beinhalten sollte. Ein prima Zeit lobte ich die Achtjährigen und drängte sie Flüssigkeit und Nahrung zu sich zu nehmen. Zugegeben, ich hätte mich genauer ausdrücken können. CokaCola und Milkaschokolade war nicht das was ich für die passende Stärkung hielt, aber unsere kleinen Marathonläufer kamen augenscheinlich gut damit zurecht.
Nach dem das Finanzielle mit der Oberbäuerin geklärt war, begann die Führung. Es waren keine Bauern ausgestellt, aber sehr kindertauglich erklärt, wozu Bauern nütze sind und was sie so alles machen. Bauer im Wandel der Jahrzehnte, Technik um 1900 bis fast heute wurde unseren Stadtprimaten gelehrt. Manche Erkenntnis über ländliche Tätigkeit, Getreidearten und Agrarprodukte sicherte den pädagogisch wertvollen Teil unseres Trips ins Schmannewitzer Paralleluniversum. Nachdem wir uns antike Pflüge, Eggen, Saftpressen, Kartoffelwaschmaschinen und Kuhställe angesehen hat sowie einen Werbefilm über das bevorstehende Bauernfest, traten wir den Rückweg an. Es war 15:30 Uhr und somit reichlich Zeit, den dorfeigenen Eissalon zu erobern. 13 € aus der Klassenkasse sicherten jedem der kleinen Fruchteiszwerge einen kalten Snack in Waffel. Etwas abseits des Eiscafés, gleich beim ortseigenen Bach, ließen wir uns auf eine Wiese nieder. Erst lümmelten die erschöpften Krieger auf der Wiese rum und vertilgten ihren Imbiss. Mit der Zeit wurde das Bächlein, das kaum breiter war, als ein sechzigjähriger pinkeln kann, von den Rabaukenoberhäuptern zum „Reißenden Strom des Todes“ erklärt und nur die mutigsten der Mutigen würden es wagen ihn zu überspringen. Das ließ natürlich keiner auf sich sitzen. Nacheinander traten alle vorpubertären Basejumper an, den Todessprumg zu wagen. Ich überlegte mir, ob ich die wie gewohnt sanft zu Vorsicht mahnende Klassenlehrerin zu einer „wer fällt als erstes rein Wette“ anstiften sollte, als sich der Gedanke durch ein, vom Bach tönendes Flatsch, gepaart mit lautem „5ch€i?e“ und dem Gelächter einiger Kinder, in Luft auflöste. Allen Hinweisen zum trotz, hatte es eines der Minions gewagt, Knöcheltief im „schwarzen Schleim des Todes“ zu landen und schritt nun mit einem deutlich hörbarem Schmatzen im linken Schuh zu mir. „Verletzte?“ fragt ich und freute mich über ein deutliches „Nein“, den es nahm unseren beiden erwachsenen Begleiterinnen die gut sichtbaren Sorgenfalten aus der Stirn. Jonny Depp, wie ihn die Kinder auf Grund seines richtigen Namens nannten, ging es gut. Er zog es vor die schlammgeträngte Socke auszuziehen und barfuß im durchnässten Schuh heimwärts zu schmatzen. „Er kann ja hier warten bis er trocken ist!“ Der kleine Nerventöter riss mich aus meinen Gedanken. Er hatte seine Kapuze wieder über den Kopf gezogen und wartete umring von einigen Jungen auf meine Zustimmung. Auch die Erklärung der anwesenden Mama, das so etwas Unfug sei, brachte die Minions nicht von ihrer Meinung ab. Es war also an mir, die Situation zu retten. Es wäre ein leichtes gewesen, den Rackern die Anweisung zum Rückmarsch zu geben und ihre Meinung zu übergehen. Ich entschied mich anders. „Wir NAVI-Seals lassen keinen unserer Männer zurück, egal ob er gefangen wird oder verwundet ist! Ist das klar Männer?“ Die Augen der Jungs leuchteten auf, einer rief „Sir, yes Sir“ und fragte mich „wie ist ihr Plan General?“ Schnell waren die Aufgaben verteilt, zwei Scouts sicherten den Rückzug, drei weitere Sealsrekruten übernahmen das abwechselnde Tragen von Jonny´s Rucksack, einer mimte den Verbindungsmeister zwischen allen wichtigen Personen unserer Gruppe, zwei sicherten den rückwärtigen Raum. Ganz tief unten in meinen Erinnerungen an die Bundeswehr, hatte ich ein paar wichtig klingende Bezeichnungen verwendet und jeder glaubte, ohne seinen vollen Einsatz würde das Unternehmen „wir retten Jonny Depp vor dem schwatzen Todesschlamm“ scheitern. Ein Mädchen der Klasse, die sich ohnehin schon am besten mit unserer zu rettenden Zielperson verstand, bot sich spontan als Sanitäterin an. Das Team war gebrieft, jeder hatte seine Aufgabe und in sagenhaften 70 Minuten erreichten wir das rettende Basislager, wo es Essen, Getränke und Duschen gab. Meine kleinen Seals waren klasse! Wirklich! Keine imperialen Clone konnten uns etwas anhaben, wilde Tiere und Waldmonster wurden von den Scouts erkannt, von den Navigatoren umgangen oder von der Taskforce in die Flucht geschlagen und es gelang meinen Helden sogar zusätzlichen Ballast ( die Erwachsenen ) zu retten. Es war schon ein sehr erhebendes Gefühl im Jungszimmer zu stehen und aus TopGun zu zitieren… „Ihr seid die Besten der Besten! Ihr seid die Elite“ Meine 14 kleinen Seals platzten vor stolz und beim Abendbrot war der Start der Protonrakete irgendwie erträglicher als sonst. Nach Einbruch der Nacht war Lagerfeuer mit Knüppelkuchen.
Einige Kinder, die zuverlässigsten, wie mir versichert wurde, durften eine Sonderaufgabe übernehmen. Die andere Klasse hatte heute ihre Ruinenführung und wir sollten den Monsterteil übernehmen und sie zu Tode erschrecken. Viertel Zehn bezogen vier Jungs, fünf Mädchen, unsere Klassenlehrerin und ich den dunkelsten Teil des Weges zwischen Schlossruine und Herberge. Das Jungsteam unter meiner Leitung hatte die Aufgabe den Feind, wie die 3b kurzerhand von mir tituliert wurde, zu zermürben. Die Köpfe tief ins wegnahe Feld gepresst, verunsicherten wir den Gegner mit allerlei Wildtiergeräuschen. Mit Wildscheingrunzen, Kojotenheulen, Maulwurfscharren, Amselpfeifen und ähnlich gruseligen Geräuschen zogen wir die Konzentration des Gegners auf uns. Abgelenkt durch die bedrohliche Akustik gingen unsere erklärten Todfeinde in die Falle. Während alle mit Ihren Taschenlampen wieder und wieder über das Feld leuchteten um sicher zu gehen das ihnen keine Eichhörnchen des Todes, oder ähnliches grausliches Getier folgte, vergasen die Kinder die nahen Sträucher abzuleuchten. Dort lauerten unsere Mädels, die mit wahrhaft Ohrenbetäubenden Gekreische und Geschrei aus dem Unterholz schossen und die Klasse 3b vollends aufrieben. Es klang, als gäbe es 50% Rabatt auf alle Manolo Blahnik Schuhe! Die Kinder stoben auseinander wie eine Mehlstaubverpuffung und Chaos brach in der 3b aus. Es dauerte geraume Zeit bis wieder halbwegs Struktur zu erkennen war. Sonst ehr vorlaute Jungs weinten wie ihre 4jährigen Schwestern, Mädchen hielten sich mit angsterfüllten Augen zitternd bei den Händen, je größer die Klappe war, desto näher war das Kind am unkontrollierbaren Wasserlassen. Ein gelungener Einsatz der 3a-Seals, wie uns die schnell einkehrende Ruhe in der Herberge erkennen ließ. Auch heute gönnten sich die erwachsenen größtenteils einen trockenen Roten vor der Nachtruhe, denn unsere Klassenlehrerin hatte ja immer noch Geburtstag und ein wenig wollten wir ja auch das normal feiern! Kurz nach eins erklomm ich meinen Schlafstein, von der trügerischen Hoffnung getrieben, diese Nacht erholsamen Schlaf zu finden!

Ein Gedanke zu „Fango für Kinder….

  1. Danke für die Aufklärung!! Jetzt weiß ich, was ein Mitleidfarmer ist. Diese Sorte gibt es leider nicht nur bei Kindern!!

    Bin schon auf den letzten Teil der Trilogie gespannt.
    … und Du musst mir bei unserem nächsten Treffen unbedingt das Maulwurfscharren demonstrieren!!!

    Möge die Macht mit Dir sein!

    Netti 🙂

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