Wem ist diese Socke?

Einige Leserinnen äußerten die Vermutung, mir habe die Klassenfahrt nicht zugesagt! Dem kann ich nicht zustimmen und nicht wiedersprechen. Meinem Geist hat es einen Heiden Spaß gemacht, den Zwergen beizustehen, wie sie ohne Mama und Papa die Tage und Nächte überstehen. Körperlich betrachtet, aus einer 3000 Kilometer entfernten 5 Sterne Luxusvilla, muss ich feststellen: Auf meine alten Tage sind die Abenteuer, die ein 10jähriger locker wegsteckt, doch recht ermüdend! Aber ich würde immer und überallhin wieder als Mitreisepapa zur Verfügung stehen!

Am dritten Tag der 3a Weltreise war nichts konkretes geplant und der Vormittag mit Tasche packen, Bettwäsche abgeben und Zimmer beräumen verbraucht. All diese Aufgaben hatte ich zwischen fünf und sechs Uhr am Morgen erledigt, da sie indirekter Alternative zum schlafarmen umherwälzen auf meinem Ruhestein standen. Die Minions waren erstaunlich schnell auf Standardlautstärke, was wohl an der bevorstehenden Heimreise lag. Trotz emsigen umhereilens, gelang es nur Wenigen Abreisefertigkeit vor dem Frühstück herzustellen. Zu neu war die Situation, den Rucksack, den Koffer oder die Tasche selber füllen zu müssen. Ein Shirt, zwei verschiedene Socken und ein Legolichtschwert bleiben als Rest in den, mir anvertrauten Jungszimmern und natürlich hatte keiner der Jungs den Mumm zuzugeben, etwas liegengelassen zu haben. Das Lichtschwert war schnell zugeordnet, denn nur einer… mein kleiner vorlauter Padawan… hatte derart unnütze Bewaffnung dabei. Das Shirt konnte nur zweien der Racker passen, den kleinsten und auch hier fand sich der Besitzer recht schnell. Bei den Socken war das schon schwerer. Eine Schwarze mit rotem Rand und eine dunkelblaue mit weißer eins drauf. Wie sollte ich sie zuordnen… alle Socken zeigen lassen? Die unnummerierte Socke war mit 29-31 beschriftet. Fünf von vierzehn Seals gaben bereitwillig an, die gleiche Schuhgröße zu haben und waren sich sehr sicher, es handle sich nicht um deren Eigentum. Irgendwer muss sie beim Hausmeister in der Schule in den Fundsachenkarton legen. Der knuffigste der Gruppe, eine deutlich verkleinerte arabische Version von Bud Spence ohne Bart, dafür mit Brille, erklärte sich bereit, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu erledigen. Da mir die Nummer „1“ Socke seltsam bekannt vorkam, und ich einen besonders missratenen vergesslichen Schussel unter Verdacht hatte, klopfte ich einfach mal auf den Busch. Ich tat so, als würde ich an der blauen Socke riechen und zog eine angewidertes Gesicht. „Boaaah, wessen Füße riechen den hier nach totem Vogel und faulem Käse“… keiner meldete sich…. „Meine“ ergänze ich, um den Rabauken die Angst zu nehmen. Und wie zu erwarten, tappte der käsefüßige Sockenvergesser in die gestellte Falle. „Meine auch…manchmal“ strahle mich mein Sohn an, schnappte sich das Corpus Delicti und verstaute den Stinkerbolzen in seinem Rucksack zwischen seinen Comics.

Bis zum Mittagessen gab es Frisbee, Tischtennis, Fußball und allerlei anderer kurzweiliger Tätigkeiten, die den Minions die lange Weile nahmen und den Erwachsenen etwas Zeit gaben, die Abreiseformalitäten zu regeln. Besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle das „Duo Infernale“, zwei kleine Mäuschen aus der 3c.  Beide hopsten über die Parkbänke im Eingangsbereich der Herberge und ich glaubte mich zu erinnern, das so etwas nur ungern gesehen war. Nach einigen Bitten und Ermahnungen, die stets nach knapper Zeitspanne in Vergessenheit gerieten, schnappte ich mir eine der beiden Prinzessinnen, drehte sie in der Luft kopfüber, um sie mit dem Kopf über den Papierkorb zu halten und mit gespielter Strenge donnernd zu drohen: „wenn damit nicht sofort Schluss ist, wohnst Du ab heute im Mülleimer!“  Sie lachte und versprach gemeinsam mit ihrer Freundin, fortan meinen Anweisungen folge zu leisten.

Während ich mir noch gedanklich für diese pädagogische Meisterleistung auf die Schulter klopfte, vernahm ich die Klassenlehrerin der beiden Grazien: „wenn das mal kein Fehler war.“ Ich kapierte gar nichts, die Bänke waren leer, die Mädchen spielten abseits etwas anderes und niemand schien ein Problem mit dieser Version von Erziehung zu haben. „Die zwei sind mein Duo Infernale und die werden sie jetzt sicher nicht mehr los!“ lächelte, fast grinste mich die Lehrerin mit deutlichem Glanz von Schadenfreude an. Im Gedanken an mögliche Klagen wegen tätlicher Papierkorbkinderfüllung versunken, grübelte ich welche Bedeutung außer „teuflisch“ im Juristendeutsch dem Wort „infernale“ angedichtet werden würde.“ Prinzessin zwei des benannten Duos riss mich aus meinen Gedanken. Sie hatte sich neben mich gesetzt, legte ihren Kopf auf meinen Oberarm, an dem sie zeitgleich zuppelte und fragte mich unverhohlen „Bestrafen Sie mich bitte auch mal?“ Ich musste mir ein lachen verkneifen… „wie bitte?“
Ihre braunen Kulleraugen glänzten erwartungsvoll. „na weil ich doch auch auf der Bank gelaufen bin, möchte ich jetzt auch bestraft werden, weil ich ein böses Mädchen war!“ Es kostete mich alle Kraft, nicht lauthals loszulachen. Ich stand auf, sagt ihr, wie beiläufig „beim nächsten mal“ und suchte das Weite. Ich fand es 15 Meter entfernt, in Form der Klassenlehrerin, die mich äußerst schadenfreudig anstrahlte. „mein Duo Infernale“ sagte sie, worauf ich entgegnete „ sie wird mal einen sehr ausgeglichenen Ehemann haben!“
Ich bin mir sicher, wir hatten den gleichen Gedankengang und sehr ähnliche Bilder im Kopf, denn das „Ooh jaa“ klang sehr überzeugt.

Kurze Zeit später startete die Protonrakete zum letzten mal im Speiseraum, ein Hauch Wehmut lag in den Gesichtern der Kinder, sie wussten das nach dem Essen der Bus kommen würde. „Schon nach hause“ und „bald wieder bei Mama“ waren Tenor der Mittagsstimmung. Kurz vor der Abreise ließ auch die kleine zukünftige Zofe von mir ab und erbat sich Strafen bei den Jungen ihrer Altersklasse und fand natürlich genügend Räuber die sie bereitwillig mit einem Tuch an den Lichtmaßt fesselten und anschließend, mit kitzeln, bestraften.

Der Bus wurde beladen mit Kindern und Taschen, unsere Lieblingsklassenlehrerin zählte sanft lächelnd, ob ausreichend Kinder an Bord seien und ab ging die Post. Die Fahrt war schnell vorüber, was sicher auch daran lag, das ich etwas von dem lange vermissten Schlaf im Bus wiederfand. Wir waren fast eine Stunde früher da als auf dem Informationszettel stand und außer der besten Ehefrau von allen, waren keine Abhole-Eltern da. Zu gerne hätte ich das Schauspiel miterlebt und niedergeschrieben, aber man kann nicht alles haben. Wir hatten drei spannende Tage hinter uns, alle waren gesund und die meisten munter… Klassenfahrt eben, ich hatte das ja vor 20 Jahren zum letzten mal so erlebt und anders war es dieses mal auch nicht.

Die beste Ehefrau von allen berichtete mir am Abend, das unsere Kinder nur ein einziges Kleidungsstück verloren hätten, Max fehle eine blaue Socke Nummer eins. Etwas ratlos darüber fragte ich „ und die, zwischen den Comics? Hast Du die schon gefunden?“
„ja, aber die Andere war unauffindbar.“
Ich erzählte ihr nicht, wie die Socke in den Rucksack gefunden hatte, sonst wäre ich noch am Verlust der anderen schuld.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Blue Captcha Image
Refresh

*