Kostolany für Dummies (Flugangst I)

Ich habe, warum auch immer, mal wieder die Ehre über die Firma nach Portugal fliegen zu dürfen. Auf mich warten 40 Grad im Schatten, gekühlte Getränke, freundliches Servicepersonal und nette Kollegen. Es ist 5:45 Uhr, ich sitz im Leipziger Terminal herum, die Aussicht zwischen den Seminartagen sommerliche Bräune zu erhaschen und die Erwartung kulinarischer Köstlichkeiten entschädigt mich für die mitternächtliche Flugzeit. Wirklich in die Höhe wird meine Laune jedoch von den weiteren Fluggästen getrieben. Ich kann nicht wiederstehen, ich muss mein Laptop aufklappen und Notizen machen. Direkt nach der Sicherheitskontrolle fiel mir ein älteres Ehepaar auf.
Oma und Opa, rüstig, verbringen Ihren Lebensabend damit auf Reisen andere Leute zu nerven und suchen Gleichgesinnte und Opfer. Das passt wohl am besten für die Beiden. Sie erschien wie eine Kreuzung vom unheimlichen Hulk mit Inge Meisel.

Er hatte große Ähnlichkeit mit Mrs Sophies Buttler James. Etwas unterwürfiges Verhalten seiner Frau gegenüber, holpriger Gang und Wortkargheit. Die beiden scheinen von einer Reise zu nächsten zu eilen, Inge erwähnte nebenbei, das sie gar nicht alle Dinge regeln konnte, die sie für den Deutschlandaufenthalt geplant hatte. James hatte zustimmend genickt… es wirkte aber ehr so, als hätte er nicht alles geschafft, was sie ihm aufgetragen hatte.

Entweder durch Zufall, eine frühere Reisebekanntschaft oder pure Aufdringlichkeit sind die beiden, also ehr Inge, mit einem anderen, vermutliche auch Rentnerehepaar ins Gespräch gekommen. Das andere Ehepaar wurde besprochen…. bequatscht…. zugetextet.

Die sympathischen alten Leutchen, eine gelungene Symbiose aus einer in Würde gealterten Katy Perry und einem zerknitterten Wladimir Putin versuchten vergeblich das Gespräch an sich zu reißen, aber das entgegnete „Aha, das hatten wir damals auch, als wir…“ wurde gekonnt ignoriert und übertönt. Inge erklärte lang und ausgiebig im Zahnprothesenbedingten Nuschelsächsisch, was ihr und vermutlich ihrem Man alles wiederfahren ist. Ein grausamer Flug nach sonst wo, Bodenpersonal, welches sich nicht mit Rotwein auskennt, Spanier die kein Deutsch sprechen, Engländer die zu Frühstück Bohnen essen und Italiener die Kaffee anders trinken als Inge und James. Der Leidensweg diese Pärchens um die Welt war schauderhaft anzuhören. Es mangelte mir an Mitleid und das musste man mir auch angesehen haben. Eine spätpubertäre Version von Cindy aus Marzahn, saß mir gegenüber und fing herzhaft an zu lachen. Erst da fiel mir auf, daß ich des Öfteren vom Mitleid- zum Entsetzen-gesicht gewechselt habe, als ich mich innerlich in die so arg gebeutelte Inge hineinversetzt hatte. Mit einem kleinen Augenzwinkern wollte ich Cindy signalisieren, das ich die beiden Ehepaare etwas seltsam finde… sie kam mir zuvor, deutete auf die Oma, verdrehte die Augen und sprach ein lautloses blablabla… wir verstaden uns. Keinen im Umfeld wunderte es, als Katy und Wladimir plötzlich aufsprangen und unbedingt beide noch mal auf Toilette mussten, bevor es in den Flieger ginge… Mein iPod schützte mich vor weiteren Verbalerbrüchen. Zu AC/DC nahm ich nur noch die Plapperbewegung Inges wahr.. . bis plötzlich alle zum Flieger schritten. Wladimir und Katy saßen schon im Flieger und waren sichtbar glücklich, als Inge und James einen Sitzplatz, deutlich entfernt im Heck aufsuchten. Cindy saß weit vorne, ich bin am Notausgang platziert worden. Etwas Charme und baucheinziehen signalisierte der CheckInDame „ich kann den Notausgang öffnen“

Fünfundvierzig Minuten Flug mit 2 Kaffee, solch frühe Flüge sind meist Ereignislos.

Die Wartezeit zu Anschlussflug blieb abenteuerfrei. Im Flieger LH 1165 nach Faro gibt’s da schon etwas mehr .

Ich freue mich immer sehr auf die Stewardessen.  Die Damen der fliegenden Zunft bieten fast immer Anlass zu ein paar Komplimenten.  In meinem Sichtbereich tummeln sich drei Lufthansis und etwas enttäuscht war ich dann doch. Die augenscheinliche Chefin in langer Hose mit weißer Bluse und Halstuch kommandiert sehr unauffällig aber sehr bestimmt ihre beiden Kolleginnen durch die Kabine und ergänzt deren tun, ehr versehentlich durch ein freundliches Word und marginal durch körperliche Unterstützung. Ihre Haare streng nach hinten gespannt, vermutlich zwecks Faltenminderung und als einzige mit richtig schicken Schuhen bekleidet, erinnert sie an eine Mischung aus Theresa Orlowsky und Nicolas Cage. Ihre beiden Kolleginnen sind Lufthansas Antwort auf den König der Löwen. Timon und Pumba kümmerten sich mehr oder weniger um die Fluggäste. Timon, Anfang 20, als einzige im Rock, kaschierte auf liebevoll tollpatschige Art die Faulheit Frau Orlowskys und die Vergesslichkeit vom Pumba. Mein iPod spielte mir softe Housemusik ins Ohr und in Kombination mit dem regen Treiben der Damen, kam ich mir vor wie bei „BlueMenGroup – on Airplane.“

Ich verlor das Interesse für das fliegende Personal als mir ein paar junge Kerlchen auffielen, alles samt super hip, super gut gelaunt, super erfolgreich und wie ich feststellte, superbescheuert. Drei Komiker aus der Finanzbranche die lauthals fachsimpelten, wie genial ihre Anlagestrategien sind, warum sie nie Verluste machen und immer auf der Gewinnerseite des Lebens stehen…

Schlafmangel führ zu leichter Reizbarkeit und je schwachsinnige die Dreierkonferenz war, desto weniger Schlaf fand ich und wurde gereizter. Es musst etwas geschehen.

Ich klinkte mich in das Gespräch ein.  Mit etwas simuliertem Interesse, gestellter Neugier, mathematischer Unbedarftheit und einem Quantum an Fragetechnik, gelang es mir den Jungs glaubhaft zu machen, ich würde keinen Plan von dem haben was sie besprachen …hab ich ja auch nicht… und ich würde solch tolle Anlageprofis bewundern… was ich auch nicht tue..  Irgendwann kam der entscheidende Zeitpunkt dem Gelaber ein Ende zu setzen. Im Smalltalk hatte ich den „Oberguru“ identifiziert und den fragte ich nun, ob er wirklich so gut sein mit seinen Anlagen und wirklich so viele Kunden und Millionen Euros betreue. Eine Arroganz erfüllte Brust versicherte mir, das dem so sei. Wenn, dann sei er und nur er, der zukünftige André Kostolany, versicherte er mir ohne mit der Wimper zu zucken. Mag ja sein das er recht hatte, aber ich wollte meine Ruhe und holte zum Angriffsschlag aus. „Basierte Kostolanys Erfolg wirklich auf abgelaufenen ungeputzten Schuhen, abgekauten Fingernägeln und mieserablen Börsenfachwissen oder braucht man dazu zwingend eine gewonnene Urlaubsreise in der Economy-Class?“ Das Mimenspiel der drei Börsianer verriet mir, das mir ein Blattschuss gelungen war. Einer wollte sich noch aufbäumen… aber, ähm, ähm, aba….  „Ich verstehe, geschulte Rhetorik und etwas Schlagfertigkeit sind auch von Nöten“… das saß. Erfahrungsgemäß neigen Menschen in Flugzeugen ehr selten dazu Schlägereien anzufangen…. Kostolany Junior war ganz kurz davor, er hatte seine Erschütterung in Zorn gewandelt und sucht krampfhaft einen Weg, Rache an mir zu nehmen. Beide Fäuste geballt und mit leicht nach vor geneigtem Haupt starrte er mich an. Er hatte genug.. blöd nur das es mir grade anfing Spaß zu machen. Seine Halsschlagader schwoll auf die Stärke eines Fahrradschlauches an und zeigten deutlichen Puls oberhalb hundertachzig, seine Nüstern blähten sich unter einem unüberhörbaren Atemgeräusch. Sein Sitznachbar erkannte die Gefahr und versuchte ihn zu besänftigen, indem er wahllos Beleidigungsversuche in meine Richtung absonderte. Timmon war auch Grund der gewachsenen Gesprächslautstärke zu uns geeilt und versuchte uns mit „möchten die Herren noch ein Getränk“ abzulenken. Mir lag auf der Zunge, sie zu fragen ob sie das erste Getränk verschüttet hatte, entschied mich aber zu Gunsten der Flugsicherheit, den Hahnenkampf zum Ende zu bringen und empfahl dem schäumenden Werwolfkostolany ein Seminar, welches ihm sicherlich an Glaubwürdigkeit, Selbstbewusstsein und Fachwissen deutlich voranbringen würde.  Das Seminar ist ziemlich bekannt in unserer Branche und der Referent eine Konifere. Kostolany, der sichtlich schon mal davon gehört, aber noch nie teilgenommen hatte, erkannte Sich in dem Spiegel dem ich Ihm vorhielt und gab klein bei.
Gut, er kann mich jetzt sicher nicht mehr leiden, aber ich hatte einen angenehm ruhigen Flug und vielleicht kauft er ja irgendwann trotzdem mein Buch.

Meine Woche in Albernao, eine Art Bootcamp für die Leute meiner beruflichen Zunft, verlief bis auf weinige Unfälle unfallfrei.

Der Rückflug nahte…

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