Tag 4 unseres erbarmungslosen Eroberungsfeldzuges, der weder Mensch noch Material schonte, führte uns nach London. Allen, die schon mal einen Sherlock Holmes Film gesehen haben, sei versichert: diese Stadt hat mehr zu bieten als messerstechende Buckelige und kochtopfbehütete Polizisten. Diese Stadt ist nicht schwarz/weiß, sie schillert in allen Farben, vor allem jedoch in der Farbe des Geldes. Nach einer 70 minütigen Anreise über eine Unmenge an Roundabouds (Kreisverkehre) und die üblichen Autobahnbaustellen, parkten wir im Stadtteil East Finchley direkt am U-Bahnhof. Das Parkticket hatte einen erträglichen Preis, welcher in bar am Automaten zu entrichten war. Für den münzgeldarmen Touristen ist ein Buchen per Kreditkarte ohne weiteres möglich. Für den marginalen Aufschlag von 33 % erstand ich eine Tageskarte. Ähnlich, wenn auch Aufschlagfrei erkaufte ich die 2 Adult-Tagestickets für die beste Ehefrau von allen und mich. Gott sei dank fuhren unsere Kinder kostenlos. An dieser Stelle sei mal der über alle Maaßen freundliche Undergroundmitarbeiter erwähnt, welcher, trotz meiner kärglichen Englischkenntnisse verstand, welcher Art Reise wir vor hatten und uns umgehend mit ausgesuchter Freundlichkeit aushalf.
Nach weiteren 45 Minuten und ca. 4 „ich muss mal/wann sind wir da“ verließen wir die Underground am Leicester Square, im Zentrum von London. Da wir nicht um 7.00 Uhr abgereist sind, sondern dem reichhaltigen und leckerem Frühstück in Tante Pissis House frönten, war es bereits Mittag, als wir endlich Sonnenlicht verspürten. Die aufkommende Freude über das Wetter wurde rapide gedämpft, als wir das fünfte und sehr dringend klingende „Ich muss mal“ vernahmen. Doch das Glück war auf meiner Seite! Direkt gegenüber der U-Bahnstation, also Luftlinie ca 15 Yards, entdeckte ich ein Angus Steak House. Ein Tempel der Gaumenfreude, der mir in diesem Moment wie die Oase in der Wüste erschien. Bei den Menschenmassen im Londoner Zentrum, dem (Links)verkehr und der Schrittgeschwindigkeit meiner Kinder halte ich die 15 Minuten bis zur Eroberung der Sitzplätze fast für eine Art Blitzkrieg. Zum Mittag kann ich nur eine knapp Aussage treffen : 15 OZ Rib Eye Steak! Der Kellner, ein deutschsprechender Türke, erkannte alle meine Sorgen mit einem Blick in meine glasigen Augen. Wir bekamen einen Sitzplatz mit Aussicht für die Kinder inklusive kurze Anreisewege zur Toilette und automatisiertem Getränkeservice. Es war jeden Penny wert!
Körperlich gestärkt verließen wir die Oase der Secondhandvegetarier in Richtung Piccadilly Circus auf der Suche nach einer der berühmten Doppeldeckerbustouren, denn mein Lieblingssohn hatte festgelegt, wir wollen ganz oben und ganz vorne und im Freien sitzen. Ob Ihr es glaubt oder nicht: es gelang uns… nicht alles gleichzeitig…aber immerhin. Wir durchschritten die Coventry Street, bei gefühlten 5 Millionen Menschen im Gegenverkehr und außer einem 4 etagigen M&M-Superstore gab es nur minimale Verzögerungen. Im Store war alles… ALLES aus M&Ms, mit M&Ms und über M&Ms. Drei von vier Leuten hätten dort Leib und Seele hergegeben um in den Besitz von Feuerwehrautos, Spielautomaten, Prinzessinenburgen und Plüschfiguren zu gelangen. Nur die beste Ehefrau von allen behielt die Vernunft. Bei der Bushaltestelle angekommen reihten wir uns brav in die Schlange der Wartenden ein und kurze Zeit später kassierte ein freundliche Mitarbeiter den Tourpreis für die Familienkarte, um uns nach erfolgter Abbuchung mitzuteilen, das wir an der falschen Haltestelle stünden. Hier gibt es keine deutschsprachigen Fahrten, die starten zwei Blocks weiter in der Pall Mall Street! Eine Zigarette war auch das, was meinen Puls in diesem Moment wieder unter 200 brachte. Wir hatten Glück, es waren kleine Blocks und an dem geänderten Startpunkt wurde unser Ticket ohne weitere Nachfrage akzeptiert. Die Fahrt selbst, lasse ich hier nahezu unkommentiert, sie war toll, ging 2,5 Stunden und war absolut „ich muss mal“-frei! Auf Grund der aufkommenden Mattheit unserer Taliban und der fortgeschrittenen Stunde folgte der Fahrt mit „The Original Tour“-Red Line der Antritt der Heimreise. Ein kleiner Shoppingtrip und eine Stärkung bei Starbucks rundeten den Tag in London auf angenehme Weise ab. Starbucks hat übrigens die gleichen Größen und Preise wie in Deutschlang, nur in £. Die U-Bahn- und Autorückreise verlief zwischenfallsfrei, wenn man von ein paar kleinen Panikattacken meiner Ehefrau absieht. Die Sorge wir könnten im falschen Stadtteil von London verloren gehen halte ich immer noch für unbegründet. Die Tatsache, das wir 130 auf der Autobahn fahren, konnte ich dadurch erklären, das ich den Tachometer unseres Taxis von Meilen auf Kilometer umgestellt habe. War natürlich nicht an dem, aber sie nahm es hin und schlummerte friedlich bis zur Ankunft im Basislager.
Für Sonnabend war nichts großartiges geplant. Es gibt ein Shoppingcenter in Corby, nicht weit vom Basislager. Besagte Mall haben wir heute käuflich erworben, zumindest hatte ich das Gefühl. Schuhe, Kleider, Shirts, Hosen… hatte ich Schuhe schon erwähnt? Wir waren im Schlaraffenland für kleine und große Mädchen. Im ersten Store hielten wir uns kurze 2 Stunden auf und meine kleine Prinzessin erhellte diesen, durch das leuchten ihrer Augen, auf allen vier Etagen. Wie ihr Euch sicher denken könnt, waren meine Mädels vollends in Shoppingwahn. Es gab reichlich von allem und davon eine ganze Menge. Mein Sohn und ich verkrümelten uns in die Herrenabteilung und suchten uns ein schönes Partnerlookoutfit raus. Eine Jeans, ein Shirt… 10 Minuten und gut. Die verblieben Zeit, bis die Mädels durch waren verbrachten wir damit, Sachen umzuhängen, Größenaufkleber zu tauschen und Preise zu korrigieren. Zugegeben, nicht ganz fair, aber wir hatten Spaß. Das Tauschen selber war nicht ganz so spannend, aber die Effekte bei den anderen Kunden, waren den Aufwand alle mal wert. Beispielsweise die nette alleinerziehende Mutter, die es schaffte geschätzte 100 Kg auf knappe 5 Fuß zu komprimieren und zielsicher nach dem Größe L Shirt griff, welches ursprünglich XS war. Vermutlich denkt sie heute Mittag wiedermal über eine Diät nach, es war ein Bild für die Götter. Ein ähnlich lustiges Bild gab der Kriegsveteran ab, der einen Mantel suchte. Dieser, ursprünglich in XXL ausgewiesene Parker, wirkte an dem mickrigen Opa, wie ein Viermanzelt an einem normalen Mitteleuropäer. Ich verlor den Senior aus den Augen als er versuchte seinen Spazierstock aufzuheben und dabei über den unteren Saum des etwas zu großen Mantels stolperte.
Den größten Coup hatte jedoch mein Lieblingssohn eingefädelt. Er hatte ein 149£ Schild gegen ein anderes getauscht. Woher er dieses her hatte, wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht, ließ ihn aber mangels andere Beschäftigung gewähren. Die reduzierte Lederjacke für ursprüngliche 399£, war ein Einzelstück und fand zu meiner Verwunderung tatsächlich während unserer Anwesenheit einen Käufer. Ein hochgewachsener, breitschultriger Mann Mitte 30, griff nach ihr, begutachtete Sie, zog diese über und entschloss sich augenscheinlich zum Kauf. Ich grübelte eine ganze Weile, ob es den Spaß wohl wert war, die Preisschilder eins zu eins tauschen zu lassen. Ja, war es. An der Kasse angekommen reichte der bis dahin gut gelaunte Mann seine Jacke der Kassierin, welche ihm sichtlich verwundert mitteilte, das er im Begriff sei, ein Paar „Manolo Blahnik black suede ‚Anastasia‘ flag trim“ Pumps der Größe 36 für Ursprüngliche 399 £ zu erwerben. Mein Englisch ist für den umgangsprachlichen Teil leider nicht gut genug, aber ich bin mir sehr sicher, er rezitierte keine Liebesgedichte. Mir liefen die Tränen vor Lachen, ich erstarrte jedoch augenblicklich zur Salzsäule als ich meine Mädels in der Schlange zur Kasse sah. Mein Sohn versicherte mir jedoch, keine weiteren Preisschilder vertauscht zu haben und so passierten meine Mädels die Kasse ohne Fehlkäufe. Der schlecht gelaunte Mittdreißiger verließ nach uns das Geschäft… mit seiner neuen Jacke. Im weiteren Verlauf des Tages erlitt ich noch 3 Schuhgeschäfte sowie einen Shoe-Super-Store, einen Brautausstatter, eine Drogerie, 1 weiteren Laden für Designerklamotten und einen Süßwarenladen. In letzterem konnte man alles kosten und wir haben alles gekostet. Nach 5 Minuten hatte ich das Gefühl mit Sekundenkleber gegurgelt zu haben, meinen kleinen Critter hielt das nicht davon ab, alles Mögliche in sich hinein zu stopfen.
Den einen Sportartikelladen in dem es Golfschläger „Holz3“ von TaylerMade für 29 £ gibt, erwähne ich an dieser Stelle einzig und allein für meine golfspielenden Kollegen, die sicherlich gerade vor Neid in den Tisch beißen.
Ebenfalls erwähnenswert ist die ausgesuchte britische Höflichkeit. Als ich versuchte dem mir anvertrautem Jungen zu zeigen, wie man mit einer von ihm so benannten Keule spiele, riss ich 2 Kartons Golfbälle und 4-5 Paar Handschuhe aus dem nebenstehenden Regal. Meine Entschuldigungsversuche tat der herbeigeeilte Mitarbeiter mit einem freundlichen Lächeln ab, sinngemäß übersetzt mit „kein Problem, kommt öfter vor.“ Auch als ihm mein Spross, beim versuch es mir gleich zu tun, beinahe einen Lendenwirbel zerschmetterte, ereilte uns lediglich ein schmerzverzertes lächelndes „Sorry“. Verry British. Aus Mitleid mit dem gebeutelten Mann, verwarf ich den Gedanken, auszutesten, wie viel man umwerfen oder ausschütten könne, bevor sich seine Laune ändert.
Zum Lunch kehrten wir zwischendurch im „Harvester“ ein. Ein ganz normales englisches Restaurant, jedoch mit Salatbuffet. Chicken-Nugget, Pommes, Cola, Spagetti, Ketchup… kurz um, alles was des Herz eines übergewichtigen, verwöhnten Einzelkindes begehrt. Der besten Ehefrau von allen verdanken wir, das die Einzige, in der Karte versteckte, vollwertige, gesunde und schmackhafte Mahlzeit, entdeckt, bestellt und verspeist wurde. Vollgestopft wie holländische Mastgänse eroberten wir einen Weiteren Outletpark. Zum Dinner hat der Hausherr in Tante Pissis House den Grill angeworfen, Coleslaw bereitet und extra für mich „Lamm with mintsauce“ serviert. Yeah, my favorit flavor.
Sorgt Euch nicht, es gab auch richtiges Essen, richtig gut und echt viel!