Es ist nichts Unübliches, sich des Freitag Abends das Haupthaar zu stylen, restliches zu kürzen oder ganz zu entfernen und auf die Piste zu gehen. Als Verfechter des bequemen Schlabberlooks fällt es mir natürlich schwer mit der nötigen Achtung darüber zu berichten. Letzten Freitag zogen meine Freunde in den neuen „In-Club“ der Stadt, um sich auf besagtem Markt feil zu bieten oder die Auslagen zu betrachten. Grundsätzlich ist es ein gleichermaßen simples, wie nutzloses Unterfangen, mit immer gleichem Ablauf. Wenige Minuten bis Stunden im Bad und vorm Kleiderschrank verbringen, Transportmittelauswahl treffen, Mitfahrgelegenheiten abklären, Budget festlegen, vor glühen, anreisen, den Einlasser überstehen…
Den Teil vor dem Einlasser lasse ich unbeachtet, den habe ich mir erspart. Den Start in den Discoabend verbrachte ich in der Zigarre mit zwei Freunden. Dort wo die Kellnerinnen freundlich sind, einen kleinen Plausch mit ihren Gästen halten und trotzdem ihrer Tätigkeit mit Fleiß nachgehen, lässt sich ein solcher Abend gut beginnen.
Warum ich das so explizit niederschreibe? Nun, es gibt auch Bar´s in meiner Stammkneipenauswahl, in denen manche Mitarbeiterin mehr Wegstrecke mit leeren Händen zurücklegt als mit gefüllten, in denen für „den netten Plausch“ mehr als 50 % der Arbeitszeit verdattelt werden, während andere Gäste bei überfüllten Aschenbechern unsäglich lange auf eine einfache Faßbrause warten… Es gibt Kaffee´s da ist Kunde König… und manchmal ist der Kellner, in diesem Falle die Kellnerin, eben Kaiser(in)… Frau Kaiser eben.
Wie auch immer, nach einem schnell gebrachten und langsam genossenen Latte Macchiato, ging es von der Zigarre in Richtung Marktplatz. Dort wo sich dann riesige Aufblaskopfhörer im Stil einer IKEA-Kinderhüpfburg mit einem roten Teppich kreuzen, geht es in „den neuen Club“. Dieser Schuppen ist ein nüchtern eingerichteter Laden, welcher Tagsüber auch prima als Empfangsbereich einer Nervenheilanstalt dienen könnte. Eine Zweietagige Hopsbude. Im unteren Bereich eine Tanzfläche, welche kleiner kaum sein kann und ein VIP Bereich der den primären Zweck des Ladens selbst dem ungeübten Betrachter offenbart: Komm her, bring Geld mit, lass es hier und verschwinde wieder.
Mit der Gemütlichkeit des Mitropa-Wartebereichs und dem Charme der Krostitzer Bushaltestelle, lädt er weder zum Verweilen noch zum Wohlfühlen ein. Das ist ja auch gar nicht der bereits erwähnte Sinn. Jedem der Gäste scheint dies von Anfang an klar zu sein und sollte jemand noch unschlüssig gewesen sein, war es das Einlasspersonal, welches über jeden Zweifel erhaben war und deutlich untermauerte: Sein ist hier wertlos, der Schein ist das was Zählt. Mit verblüffender Deutlichkeit stellt die Dame das Einlassen dar, das es nicht notwendig ist, geputzte oder gar gepflegte Schuhe zu tragen. Mit gutem Beispiel trug sie Highheels mit abgestoßenen Spitzen und Absätzen, die deutlich erkennbare Edding-Reparaturen hinter sich hatten. Das Kostüm vom chinesischen Massenproduzenten passte sich harmonisch in die reichlich aufgetragene Menge an Make-Up ein. Einzig die dunkel gefärbten Haare stellten eine leichte Unwucht dar, hier wäre das natürliche Blond besser angebracht gewesen. Wenn man das Einlassteam als ganzes betrachtet, stellte dieses Mädchen das absolute Highlight dar. Ihre männlichen Kollegen trugen Anzüge des holländischen Designers VanDerStange oder des russischen Modezar „Iman Gebot“. Der Großteil der Jungs kam allem Anschein nach täglich zu Fuß zur Arbeit, zumindest verrieten das die geputzten, aber abgelaufenen Schuhe. Das gesparte Fahrgeld, hatten einige von ihnen seit längerem in Anabolika oder ähnliche Präparate investiert, Voltax war nicht dabei. Für diejenigen unter Euch die mit dem Wort nichts anzufangen wissen. Voltax steigert Gehirnfunktion und Merkfähigkeit z.B. bei Abitur oder Studium. Wie gesagt, das kannte dort keiner.
Das Beste was einem auf dem Weg nach drinnen geschah, war das Garderobenpärchen, welches mit ausgesuchter Freundlichkeit, Geduld und einer Vielzahl an Bitte und Danke den zahlungswilligen Gast seines schnöden Kälteschutzes erleichterte.
Die beiden Jungs an der Kasse, ein Duo Marke Berni und Erd, versäumten es nicht jeden Herren zu bitten seine Jacke abzugeben. Dabei wurde konsequent auch keine Ausnahme gemacht. Der Herr im Kleidungsstück aus englischem Tuch wurde, ebenso wie die Dame im maßgeschneiderten Mantel, zurück an die Garderobe geschickt… geben Sie mal ihre Jacke ab. Ein vorangestelltes Verzeihung oder gar ein Bitte im Satz erwartet scheinbar keiner, wozu auch, Du sollst Dein Geld in dem Laden lassen, Deine Erziehung kannst Du wieder mitnehmen. Trotz oder gerade wegen der harten Auswahl am Einlass, ist es ein besonderes Vergnügen, diesen Schuppen mal von Innen zu betrachten. Kaum drei Meter hinter den Gorillas erreicht man die erste Bar, zu groß um sie zu übersehen, zu klein um länger dort verweilen zu können. Genau richtig um das erste Begrüßungsgetränk erstehen zu müssen. Wer wie ich in den meisten Fällen ohne Alkohol durchs Leben geht, benötigt eine Weile, um in der Karte die eine alkoholfreie Seite zu finden, um sich dann doch für ein RB zu entscheiden. Wer etwas klamm in der Tasche ist, was hier natürlich keiner zugeben würde, trinkt am besten Bier, das ist am billigsten, weitaus günstiger als alkoholfreie Alternativen. Da diese Bar, wie auch die andern von mir besuchten, von Wodka und Moet-Flaschen gesäumt, genauso zum verweilen einlädt, wie eine Wurzelspitzenresektion beim Zahnarzt, zog ich weiter durch die Räumchen. Im Obergeschoß angekommen, erreichte ich die Raucherbar, oder vielmehr die Raucherlounge. Ebenfalls eine Bar, wie schon beschrieben. Klein, hässlich und überfüllt quetschte sie sich in einen Gang, der an Geräumigkeit einer ICE-Toilette in nichts nachstand. Es schien der einzige Ort zu sein, an dem der Nikotinsucht nachgegeben werden konnte. Auffällig war in diesem Abteil das Barpersonal, ein junger Man vom Typ Doktor Alban, der äußerst flink die ihm aufgetragenen Bestellungen bearbeitete und sich kaum bis gar nicht von den schönen Augen die auf ihn gerichtet waren, ablenken ließ. Seine Co-Stewardess, ein Wasserstoffblondiertes Rehäuglein, zeichnete sich im Gegensatz zum anderen weiblichen Bedienpersonal, durch Charme und Freundlichkeit aus. Sie sprach dialektfrei und deutlich, ihre Wortwahl ließ völlig überraschen auf ein erhöhtes Maß an Bildung schließen. Sie schaffte es auf beeindruckender Art und Weise, Fleiß, Dekolleté und Smalltalk miteinander zu kombinieren. Ich entschloss mich zu bleiben. Nach dem ich vom Personal, mit Ausnahme meiner Lieblingsbardame, das zu sehen bekam, was ich erwartet hatte, wendete ich mich den Gästen zu. Nein, ich werde keinen meiner anwesenden Freunde beschreiben, nur Personen die ich nie zuvor irgendwo gesehen habe, mit einer Ausnahme.
Um genau zu sein, reicht diese eine Person auch völlig aus um zu beschreiben welches Klientel den Club primär heimsucht. Derjenige, er sei hier der Verständigkeit halber, mal Dav genannt, zog meine Aufmerksamkeit auf sich als er die Bar erreichte. Ein helles kariertes Hemd mit zu engem Kragen fiel mir als erstes auf. Dieses karierte Prunkstück aus früheren Tagen war eindeutig zu klein. Eine Größe neununddreißig bei einem Hals der locker eine vierundvierzig benötigt hat um frei atmen zu können. Dieses modische Dilemma kaschierte Dave mit einem großen Krawattenknoten. An sich eine prima Idee, wäre da nicht die Tatsache unübersehbar gewesen, das selbst die Vorkriegsottomane meiner verstorbenen Großmutter ein zweifelsfrei schöneres und moderneres Muster ihr eigen nannte. Auch hier kam Dav dem oberflächlich prüfenden Blick des stillosen Einlasstrios zuvor und kaschierte den Anblick der toten Couch mit einem über Hemd und Krawatte getragenen hellbraunen Pullover. Dieser passte sich mühelos in das Ensemble ein, ohne das er durch das darüber getragene stahlgraue Jackett des Edeldesigners CANDA an Widerlichkeit verlor. Wie die meisten der Einlasser, musste auch Dav zu Fuß angereist sein, zumindest ließ der Zustand seine Kunstlederschuhe darauf schließen. Ins Gespräch mit ihm gekommen, folgte ich interessiert seinen Ausführungen über sein berufliches tun und rätselte geraume Zeit, woher ich diesen Jungen kannte. Dav erklärte mir lang und breit, er arbeitet bei der Dresdner Bank und sei dort so eine Art Investmentkonifere. Koryphäe halte ich für den falschen Begriff, da es ja schon lange keine Dreba in Leipzig gibt, die ist ja an die Commerzbank verkauft wurden. Wie auch immer, ich wurde mit kompliziert klingenden Fachbegriffen überhäuft. Optionsscheine, Derivate, Sicherungsoptionen, Aktien, Gewinnmitnahme, Verlustrisiko…
Finanzsuaheli, mit dem Dav zu unterstreichen versuchte, wie wichtig er sei und welch genialer Banker mir gerade die Ehre erwies, mich mit ihm unterhalten zu dürfen. Ich sparte mir den Spaß detaillierter Nachfragen um ihm nicht den Abend zu vermiesen. Nicht zuletzt weil mir, nach intensiven überlegen, eingefallen ist, woher ich Dav kannte.
Einmal im Monat besuche ich mit einem oder mehreren Freunden das Cinestar im Petersbogen und schon öfter ist mir ein etwas pummeliger, bebrillter Kartenverkäufer aufgefallen, der recht wortkarg seinen Dienst verrichtet. Seltsamer weise erkannte ich auffallend viele Gemeinsamkeiten zwischen meinem, in Selbstherrlichkeit badenden Gesprächspartner und diesem Kartendealer. Beide trugen eine Sehhilfe, beide sind zu klein für ihr Gewicht, sie haben beide den gleichen Modegeschmack und Mr. Investment und Herr Kinokasse haben den gleichen Vornamen. Mit dieser Erkenntnis zog ich mein Schlussplädoyer zum Abend im Leipziger Nummer 1 Club.
Wer auf elektronische Tanzmusik steht, sich überteuerte Drinks mit magerem Service in oberflächlichem Ambiente leisten mag und keinen höheren Konversationsanspruch an den Abend und seine Gesprächspartner hat, ist dort gut aufgehoben. Wem die glänzende Hülle wichtiger ist, als der Inhalt, wird in der nähe des Marktes einen angenehmen Abend mit einer Menge an gleichgesinnten Verbringen können.
In Spizzkeller, Nightfever oder Moritzbastei gibt’s genau so viel Spaß, nur weniger bis gar nicht krampfhaft auf chicki micki gepimpt.
Getreu dem Motto „Geld macht sexy“ soll es auch dem gealterten, verfetten Herrn gestattet sein, den zweiten oder dritten Frühling durchleben zu dürfen.
Der Jahrmarkt der Eitelkeiten
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