Wem ist diese Socke?

Einige Leserinnen äußerten die Vermutung, mir habe die Klassenfahrt nicht zugesagt! Dem kann ich nicht zustimmen und nicht wiedersprechen. Meinem Geist hat es einen Heiden Spaß gemacht, den Zwergen beizustehen, wie sie ohne Mama und Papa die Tage und Nächte überstehen. Körperlich betrachtet, aus einer 3000 Kilometer entfernten 5 Sterne Luxusvilla, muss ich feststellen: Auf meine alten Tage sind die Abenteuer, die ein 10jähriger locker wegsteckt, doch recht ermüdend! Aber ich würde immer und überallhin wieder als Mitreisepapa zur Verfügung stehen!

Am dritten Tag der 3a Weltreise war nichts konkretes geplant und der Vormittag mit Tasche packen, Bettwäsche abgeben und Zimmer beräumen verbraucht. All diese Aufgaben hatte ich zwischen fünf und sechs Uhr am Morgen erledigt, da sie indirekter Alternative zum schlafarmen umherwälzen auf meinem Ruhestein standen. Die Minions waren erstaunlich schnell auf Standardlautstärke, was wohl an der bevorstehenden Heimreise lag. Trotz emsigen umhereilens, gelang es nur Wenigen Abreisefertigkeit vor dem Frühstück herzustellen. Zu neu war die Situation, den Rucksack, den Koffer oder die Tasche selber füllen zu müssen. Ein Shirt, zwei verschiedene Socken und ein Legolichtschwert bleiben als Rest in den, mir anvertrauten Jungszimmern und natürlich hatte keiner der Jungs den Mumm zuzugeben, etwas liegengelassen zu haben. Das Lichtschwert war schnell zugeordnet, denn nur einer… mein kleiner vorlauter Padawan… hatte derart unnütze Bewaffnung dabei. Das Shirt konnte nur zweien der Racker passen, den kleinsten und auch hier fand sich der Besitzer recht schnell. Bei den Socken war das schon schwerer. Eine Schwarze mit rotem Rand und eine dunkelblaue mit weißer eins drauf. Wie sollte ich sie zuordnen… alle Socken zeigen lassen? Die unnummerierte Socke war mit 29-31 beschriftet. Fünf von vierzehn Seals gaben bereitwillig an, die gleiche Schuhgröße zu haben und waren sich sehr sicher, es handle sich nicht um deren Eigentum. Irgendwer muss sie beim Hausmeister in der Schule in den Fundsachenkarton legen. Der knuffigste der Gruppe, eine deutlich verkleinerte arabische Version von Bud Spence ohne Bart, dafür mit Brille, erklärte sich bereit, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu erledigen. Da mir die Nummer „1“ Socke seltsam bekannt vorkam, und ich einen besonders missratenen vergesslichen Schussel unter Verdacht hatte, klopfte ich einfach mal auf den Busch. Ich tat so, als würde ich an der blauen Socke riechen und zog eine angewidertes Gesicht. „Boaaah, wessen Füße riechen den hier nach totem Vogel und faulem Käse“… keiner meldete sich…. „Meine“ ergänze ich, um den Rabauken die Angst zu nehmen. Und wie zu erwarten, tappte der käsefüßige Sockenvergesser in die gestellte Falle. „Meine auch…manchmal“ strahle mich mein Sohn an, schnappte sich das Corpus Delicti und verstaute den Stinkerbolzen in seinem Rucksack zwischen seinen Comics.

Bis zum Mittagessen gab es Frisbee, Tischtennis, Fußball und allerlei anderer kurzweiliger Tätigkeiten, die den Minions die lange Weile nahmen und den Erwachsenen etwas Zeit gaben, die Abreiseformalitäten zu regeln. Besonders erwähnen möchte ich an dieser Stelle das „Duo Infernale“, zwei kleine Mäuschen aus der 3c.  Beide hopsten über die Parkbänke im Eingangsbereich der Herberge und ich glaubte mich zu erinnern, das so etwas nur ungern gesehen war. Nach einigen Bitten und Ermahnungen, die stets nach knapper Zeitspanne in Vergessenheit gerieten, schnappte ich mir eine der beiden Prinzessinnen, drehte sie in der Luft kopfüber, um sie mit dem Kopf über den Papierkorb zu halten und mit gespielter Strenge donnernd zu drohen: „wenn damit nicht sofort Schluss ist, wohnst Du ab heute im Mülleimer!“  Sie lachte und versprach gemeinsam mit ihrer Freundin, fortan meinen Anweisungen folge zu leisten.

Während ich mir noch gedanklich für diese pädagogische Meisterleistung auf die Schulter klopfte, vernahm ich die Klassenlehrerin der beiden Grazien: „wenn das mal kein Fehler war.“ Ich kapierte gar nichts, die Bänke waren leer, die Mädchen spielten abseits etwas anderes und niemand schien ein Problem mit dieser Version von Erziehung zu haben. „Die zwei sind mein Duo Infernale und die werden sie jetzt sicher nicht mehr los!“ lächelte, fast grinste mich die Lehrerin mit deutlichem Glanz von Schadenfreude an. Im Gedanken an mögliche Klagen wegen tätlicher Papierkorbkinderfüllung versunken, grübelte ich welche Bedeutung außer „teuflisch“ im Juristendeutsch dem Wort „infernale“ angedichtet werden würde.“ Prinzessin zwei des benannten Duos riss mich aus meinen Gedanken. Sie hatte sich neben mich gesetzt, legte ihren Kopf auf meinen Oberarm, an dem sie zeitgleich zuppelte und fragte mich unverhohlen „Bestrafen Sie mich bitte auch mal?“ Ich musste mir ein lachen verkneifen… „wie bitte?“
Ihre braunen Kulleraugen glänzten erwartungsvoll. „na weil ich doch auch auf der Bank gelaufen bin, möchte ich jetzt auch bestraft werden, weil ich ein böses Mädchen war!“ Es kostete mich alle Kraft, nicht lauthals loszulachen. Ich stand auf, sagt ihr, wie beiläufig „beim nächsten mal“ und suchte das Weite. Ich fand es 15 Meter entfernt, in Form der Klassenlehrerin, die mich äußerst schadenfreudig anstrahlte. „mein Duo Infernale“ sagte sie, worauf ich entgegnete „ sie wird mal einen sehr ausgeglichenen Ehemann haben!“
Ich bin mir sicher, wir hatten den gleichen Gedankengang und sehr ähnliche Bilder im Kopf, denn das „Ooh jaa“ klang sehr überzeugt.

Kurze Zeit später startete die Protonrakete zum letzten mal im Speiseraum, ein Hauch Wehmut lag in den Gesichtern der Kinder, sie wussten das nach dem Essen der Bus kommen würde. „Schon nach hause“ und „bald wieder bei Mama“ waren Tenor der Mittagsstimmung. Kurz vor der Abreise ließ auch die kleine zukünftige Zofe von mir ab und erbat sich Strafen bei den Jungen ihrer Altersklasse und fand natürlich genügend Räuber die sie bereitwillig mit einem Tuch an den Lichtmaßt fesselten und anschließend, mit kitzeln, bestraften.

Der Bus wurde beladen mit Kindern und Taschen, unsere Lieblingsklassenlehrerin zählte sanft lächelnd, ob ausreichend Kinder an Bord seien und ab ging die Post. Die Fahrt war schnell vorüber, was sicher auch daran lag, das ich etwas von dem lange vermissten Schlaf im Bus wiederfand. Wir waren fast eine Stunde früher da als auf dem Informationszettel stand und außer der besten Ehefrau von allen, waren keine Abhole-Eltern da. Zu gerne hätte ich das Schauspiel miterlebt und niedergeschrieben, aber man kann nicht alles haben. Wir hatten drei spannende Tage hinter uns, alle waren gesund und die meisten munter… Klassenfahrt eben, ich hatte das ja vor 20 Jahren zum letzten mal so erlebt und anders war es dieses mal auch nicht.

Die beste Ehefrau von allen berichtete mir am Abend, das unsere Kinder nur ein einziges Kleidungsstück verloren hätten, Max fehle eine blaue Socke Nummer eins. Etwas ratlos darüber fragte ich „ und die, zwischen den Comics? Hast Du die schon gefunden?“
„ja, aber die Andere war unauffindbar.“
Ich erzählte ihr nicht, wie die Socke in den Rucksack gefunden hatte, sonst wäre ich noch am Verlust der anderen schuld.

Fango für Kinder….

Bisher trug ich mich der Meinung, das nicht schlimmer sein als die gute Laune anderer Leute am Morgen nach einer durchzechten oder wie in meinem Fall sehr schlafarmen Nacht. Es gibt etwas deutlich Schlimmeres : Viele Kinder, egal welcher Laune. Da ich kaum geschlafen hatte, erhob ich mich missmutig von meinem Ruhestein, massierte die wundgelegenen Körperstellen um wenigstens die restlichen Nervenbahnen wieder mit Blut zu versorgen und schlappte zum Männerduschraum. Nahezu alle Anstaltsinsassen schliefen noch, den nach der späten Nachtruhe und dem aufregenden Tag war 5:53 Uhr einfach zu früh für die meisten Kinder. Ich schaute in den Spiegel als der Morgen graute, mir graute auch, viel kühles Duschwasser brachte meinen, recht betagten Kreislauf in Schwung und es gelang mir tatsächlich vor allen Anderen meine Morgentoilette, den Bettenbau und der Schuhputz abzuschließen. Der Tag kann kommen, dacht ich mir, während ich die Geschenke für unsere sanfte Lehrerin bereitlegte. Ja, sie hatte heute Geburtstag und viele der sonst, aus meiner Sicht, unerträglichen Terroristen hatten ein Präsent vorbereitet. Langsam begannen die Techniker den Start der Protonrakete vorzubereiten… stetig stieg der Geräuschpegel im Haus von Mucksmäuschenstill über Theatergemurmel auf Düsentriebwerksniveau an und erreichte gegen siebenuhrdreißig seinen Höhepunkt. Das Getöse hatte nun alle Langschläfer geweckt und jeder der unzähligen Minions begann auf seine Art und Weise mit dem Tag. Manche wuschen sich und putzten Zähne, andere Nehmen ein erstes Milkafrühstück in Form einer 300g Trauben-Nuss, einige spielten Starwars mit angeschlepptem Zubehör. Unsere Klassenlehrerin inspizierte die Räume ihrer Schützlinge mit dem ihr eigenen sanften Lächeln, welches heute besonders relaxt schien. Ein Umstand den ich ihrem Geburtstag zuschrieb. Dieser war auch der Grund, warum sie mehrmals an diesem Morgen mit einem lauthals dahingequäktem „Häbbie Börsdee Duu Juu“ überschüttet wurde. Mir blieb verschlossen, warum man an seinem Geburtstag zur Klassenfahrt fährt, wo man diesen doch mit ausgesuchten Menschen verbringen könne. Ich bin zu alt für diesen Kram, dachte ich mir, während ich die Protonrakete im Frühstücksraum zur Contenance pfiff und der so Angenehme geräuschlose Moment durch das tausendste Geburtstaglied niedergestreckt wurde.
Der Vormittag war frei, den die geplante Kremserfahrt wurde Abgesagt, nach dem der Wagenbesitzer unerwartet verstorben war. Vermutlich hatten unzählige Kinderfahrten mit ebenso vielen „ich muss mal“, „wann sind wir endlich da“ und „ich hab Hunger“ den letzten Funken Lebenskraft genommen oder ihn in der Selbstmord getrieben. Sicherlich würde er es mir im Himmel berichten, sobald auch ich durch etlichen Minions vom Suizidberg gestoßen bin. Tischtennis, Liegestütze, Hasche, Rempeleien… der Vormittag war dich gespickt mit vielen kleinen Kurzweiligen Programmpunkten und so kam es für die Taliban ganz und gar unerwartet, als die Protonrakete in den Speiseraum gerufen wurde, um die mittägliche Raubtierfütterung beginnen zu lassen.
„Am Nachmittag wandern wir nach Schmannewitz ins Bauernmuseum“ verkündete unser sanfte Lehrerin und ich grübelte ob das so eine gute Idee war. Zum einen konnte ich mir ganz und gar nicht vorstellen, ob es derart sehenswerte Bauern gab, daß man sie ausstellen konnte, andererseits taten mir die armen Bauern leid, die Wochentags von 9 bis 17 Uhr in einem Museum herumstehen mussten. „Zwölfuhrdreißig ist Abmarsch, denn die andere Gruppe war am Vortag über 90 Minuten dorthin unterwegs und wir wollen heute ja pünktlich ankommen“… war das die Herrausvorderung an mich oder nur so dahingesagt? Wie auch immer! Halb eins stand die 3a in Dreierreihe am Lagerausgang und wurde, fast im Gleichschritt von mir auf das 4200 Meter entfernte Ziel geschickt. „90 Minuten… das schaffen wir doch viel besser“ spornte ich die kleinen Seals an. Von der Geradlinigkeit meiner fast militärisch anmutenden Anweisungen begeistert, sangen wir sogar Marschlieder… mehr oder weniger zumindest….
Das Westerwaldlied scheiterte an Textsicherheit der Kinder, Alle meine Entchen passte nicht zum Schrittakt. Wir einigten und recht bald auf „aus den blauen Bergen kommen wir“ und ich erntete mit immer neuen Strophen, die Google mir aufs iPhone übermittelte, die Begeisterung der Kinder. Ein kleiner Strolch aus dem Zimmer meines Sohnes, den ich bereits als typischen Mitleidfarmer identifiziert hatte, verfiel erneut in diesen Modus. Mit „ich kann fast gar nicht mehr“ oder „nie darf ich ganz vorne Mitlaufen“ versuchte er sich durch erschnurrtes, grundloses Mitleid, einen Vorteil zu verschaffen (lG an Netti). Ich überlegt kurz ob es nützlich wäre, dem Zwerg Mitleid zu schenken, nachdem ich ihn „aus Versehen“ in einen Teich geschubbst habe, verwarf diesen Gedanken aber. Der kleine Kniebeißer, der fast ständig mit der Kapuze auf dem Kopf rumlief, war ja auch nur das Produkt, der Erziehung seiner Eltern. Die Kapuze trug er, weil alle Sithlord so was tun. Nun gut, dachte ich mir, versuch ich es mal mit der Macht. „wenn jemand in Meister Kenobis Team Kapuze tragen soll, dann sage ich das, den ich bin Meister Kenobi!“ Profunde Kenntnisse über das Starwarsuniversum sicherten mir schlagartig den Respekt des jungen Padawan und er folgte fortan willig meinen Anweisungen. Das machte ihn nicht erträglicher und so entschied ich mich, ihm die Aufgabe eines Scout nahezulegen. Mit etwas Spannung erklärt und die Wichtigkeit eines solchen Handels überzogen dargestellt, seppelte der junge Jediritter geschäzte 250 Meter vor dem Rest der Gruppe her, um uns vor nahenden Angriffen der imperialen Clonkrieger zu warnen.
Nach 74 Minuten Orientierungmarsch, 20 Lehrerfeindlichen Liederstrophen und mind. Drei vereitelten imperialen Angriffen, stand die Klasse 3a vor dem Gehöft, welches ein Bauernmuseum beinhalten sollte. Ein prima Zeit lobte ich die Achtjährigen und drängte sie Flüssigkeit und Nahrung zu sich zu nehmen. Zugegeben, ich hätte mich genauer ausdrücken können. CokaCola und Milkaschokolade war nicht das was ich für die passende Stärkung hielt, aber unsere kleinen Marathonläufer kamen augenscheinlich gut damit zurecht.
Nach dem das Finanzielle mit der Oberbäuerin geklärt war, begann die Führung. Es waren keine Bauern ausgestellt, aber sehr kindertauglich erklärt, wozu Bauern nütze sind und was sie so alles machen. Bauer im Wandel der Jahrzehnte, Technik um 1900 bis fast heute wurde unseren Stadtprimaten gelehrt. Manche Erkenntnis über ländliche Tätigkeit, Getreidearten und Agrarprodukte sicherte den pädagogisch wertvollen Teil unseres Trips ins Schmannewitzer Paralleluniversum. Nachdem wir uns antike Pflüge, Eggen, Saftpressen, Kartoffelwaschmaschinen und Kuhställe angesehen hat sowie einen Werbefilm über das bevorstehende Bauernfest, traten wir den Rückweg an. Es war 15:30 Uhr und somit reichlich Zeit, den dorfeigenen Eissalon zu erobern. 13 € aus der Klassenkasse sicherten jedem der kleinen Fruchteiszwerge einen kalten Snack in Waffel. Etwas abseits des Eiscafés, gleich beim ortseigenen Bach, ließen wir uns auf eine Wiese nieder. Erst lümmelten die erschöpften Krieger auf der Wiese rum und vertilgten ihren Imbiss. Mit der Zeit wurde das Bächlein, das kaum breiter war, als ein sechzigjähriger pinkeln kann, von den Rabaukenoberhäuptern zum „Reißenden Strom des Todes“ erklärt und nur die mutigsten der Mutigen würden es wagen ihn zu überspringen. Das ließ natürlich keiner auf sich sitzen. Nacheinander traten alle vorpubertären Basejumper an, den Todessprumg zu wagen. Ich überlegte mir, ob ich die wie gewohnt sanft zu Vorsicht mahnende Klassenlehrerin zu einer „wer fällt als erstes rein Wette“ anstiften sollte, als sich der Gedanke durch ein, vom Bach tönendes Flatsch, gepaart mit lautem „5ch€i?e“ und dem Gelächter einiger Kinder, in Luft auflöste. Allen Hinweisen zum trotz, hatte es eines der Minions gewagt, Knöcheltief im „schwarzen Schleim des Todes“ zu landen und schritt nun mit einem deutlich hörbarem Schmatzen im linken Schuh zu mir. „Verletzte?“ fragt ich und freute mich über ein deutliches „Nein“, den es nahm unseren beiden erwachsenen Begleiterinnen die gut sichtbaren Sorgenfalten aus der Stirn. Jonny Depp, wie ihn die Kinder auf Grund seines richtigen Namens nannten, ging es gut. Er zog es vor die schlammgeträngte Socke auszuziehen und barfuß im durchnässten Schuh heimwärts zu schmatzen. „Er kann ja hier warten bis er trocken ist!“ Der kleine Nerventöter riss mich aus meinen Gedanken. Er hatte seine Kapuze wieder über den Kopf gezogen und wartete umring von einigen Jungen auf meine Zustimmung. Auch die Erklärung der anwesenden Mama, das so etwas Unfug sei, brachte die Minions nicht von ihrer Meinung ab. Es war also an mir, die Situation zu retten. Es wäre ein leichtes gewesen, den Rackern die Anweisung zum Rückmarsch zu geben und ihre Meinung zu übergehen. Ich entschied mich anders. „Wir NAVI-Seals lassen keinen unserer Männer zurück, egal ob er gefangen wird oder verwundet ist! Ist das klar Männer?“ Die Augen der Jungs leuchteten auf, einer rief „Sir, yes Sir“ und fragte mich „wie ist ihr Plan General?“ Schnell waren die Aufgaben verteilt, zwei Scouts sicherten den Rückzug, drei weitere Sealsrekruten übernahmen das abwechselnde Tragen von Jonny´s Rucksack, einer mimte den Verbindungsmeister zwischen allen wichtigen Personen unserer Gruppe, zwei sicherten den rückwärtigen Raum. Ganz tief unten in meinen Erinnerungen an die Bundeswehr, hatte ich ein paar wichtig klingende Bezeichnungen verwendet und jeder glaubte, ohne seinen vollen Einsatz würde das Unternehmen „wir retten Jonny Depp vor dem schwatzen Todesschlamm“ scheitern. Ein Mädchen der Klasse, die sich ohnehin schon am besten mit unserer zu rettenden Zielperson verstand, bot sich spontan als Sanitäterin an. Das Team war gebrieft, jeder hatte seine Aufgabe und in sagenhaften 70 Minuten erreichten wir das rettende Basislager, wo es Essen, Getränke und Duschen gab. Meine kleinen Seals waren klasse! Wirklich! Keine imperialen Clone konnten uns etwas anhaben, wilde Tiere und Waldmonster wurden von den Scouts erkannt, von den Navigatoren umgangen oder von der Taskforce in die Flucht geschlagen und es gelang meinen Helden sogar zusätzlichen Ballast ( die Erwachsenen ) zu retten. Es war schon ein sehr erhebendes Gefühl im Jungszimmer zu stehen und aus TopGun zu zitieren… „Ihr seid die Besten der Besten! Ihr seid die Elite“ Meine 14 kleinen Seals platzten vor stolz und beim Abendbrot war der Start der Protonrakete irgendwie erträglicher als sonst. Nach Einbruch der Nacht war Lagerfeuer mit Knüppelkuchen.
Einige Kinder, die zuverlässigsten, wie mir versichert wurde, durften eine Sonderaufgabe übernehmen. Die andere Klasse hatte heute ihre Ruinenführung und wir sollten den Monsterteil übernehmen und sie zu Tode erschrecken. Viertel Zehn bezogen vier Jungs, fünf Mädchen, unsere Klassenlehrerin und ich den dunkelsten Teil des Weges zwischen Schlossruine und Herberge. Das Jungsteam unter meiner Leitung hatte die Aufgabe den Feind, wie die 3b kurzerhand von mir tituliert wurde, zu zermürben. Die Köpfe tief ins wegnahe Feld gepresst, verunsicherten wir den Gegner mit allerlei Wildtiergeräuschen. Mit Wildscheingrunzen, Kojotenheulen, Maulwurfscharren, Amselpfeifen und ähnlich gruseligen Geräuschen zogen wir die Konzentration des Gegners auf uns. Abgelenkt durch die bedrohliche Akustik gingen unsere erklärten Todfeinde in die Falle. Während alle mit Ihren Taschenlampen wieder und wieder über das Feld leuchteten um sicher zu gehen das ihnen keine Eichhörnchen des Todes, oder ähnliches grausliches Getier folgte, vergasen die Kinder die nahen Sträucher abzuleuchten. Dort lauerten unsere Mädels, die mit wahrhaft Ohrenbetäubenden Gekreische und Geschrei aus dem Unterholz schossen und die Klasse 3b vollends aufrieben. Es klang, als gäbe es 50% Rabatt auf alle Manolo Blahnik Schuhe! Die Kinder stoben auseinander wie eine Mehlstaubverpuffung und Chaos brach in der 3b aus. Es dauerte geraume Zeit bis wieder halbwegs Struktur zu erkennen war. Sonst ehr vorlaute Jungs weinten wie ihre 4jährigen Schwestern, Mädchen hielten sich mit angsterfüllten Augen zitternd bei den Händen, je größer die Klappe war, desto näher war das Kind am unkontrollierbaren Wasserlassen. Ein gelungener Einsatz der 3a-Seals, wie uns die schnell einkehrende Ruhe in der Herberge erkennen ließ. Auch heute gönnten sich die erwachsenen größtenteils einen trockenen Roten vor der Nachtruhe, denn unsere Klassenlehrerin hatte ja immer noch Geburtstag und ein wenig wollten wir ja auch das normal feiern! Kurz nach eins erklomm ich meinen Schlafstein, von der trügerischen Hoffnung getrieben, diese Nacht erholsamen Schlaf zu finden!

Das große Krabbeln…

Vor einem Jahr war die Welt gut zu mir, meine Kinder pflegeleicht, meine Freizeit reichlich bemessen und die darin zu verrichtenden Tätigkeiten überschaubar.Diese Umstände und das freundliche Lächeln unserer Klassenlehrerin, gepaart mit einem Fußtritt meiner Banknachbarin ließen mich einwilligen, als Begleitperson der Klassenfahrt der Klassen 3 a-c  beizustehen.  Das es ehr um ein Überstehen geht, war mir…von freudigen Erinnerungen an meine Klassenfahrten benebelt… nicht klar.

Die beste Ehefrau von allen motivierte und bestärkte mich zu freiwilliger Meldung. Im Nachhinein ist mir klar, sie wollte Ihre Babys unter Beobachtung wissen, mit Hilfsbereitschaft dem Klassenkollektiv gegenüber, hatte das wenig zu tun.  Wie auch immer, letzten Mittwoch gegen 8:30 Uhr stand ich umringt von ca. eine Million tobender schreiender Knirpse auf dem Hof der Geschwister-Scholl-Grundschule und bereute wieder einmal bitterlich, auf die beste Ehefrau von allen gehört zu haben. Doch das freundlich Lächeln unserer Klassenlehrerin und die bevorstehenden 3 Tage Baustellenpause ließen mich Mut und Kraft schöpfen. Schnell sortierten sich die Gruppen zusammen, Kinder und Eltern die sich kannten bildeten Grüppchen, Väter freuten sich auf drei freie Tage mit ihren Frauen, Mütter freuten sich auf Freitag, den Tag der Rückkehr. Worauf sich die Wänster freuten, blieb mir im Detail verborgen. Da es sich um Klassenstufe drei handelt, mutmaßte ich, der Alkohol und Zigarettenkonsum würde sich in Grenzen halten und auf die nächtlichen Orgien wären überschaubar in Menge und Ausmaß.

T minus 30 Minuten:  „Der Bus kommt…“ Ein kurzer Moment der Ruhe weht über den Schulhof. Wie beim Start einer russischen Trägerrakete des Typs Proton, war es eine Sekunde lang still, bevor Ohrenbetäubender Donner die Massen in Bewegung brachte. Erst ganz langsam und dann immer gewaltiger drängten die Kinder zum kleinen Hoftor und rissen alles mit was sich in den Weg stellte. Eltern, Lehrer… mich. Irgendwo hatte ich mal gelesen, wer von einer Lawine erfasst würde, sollte auf ihr mitschwimmen… Ich schnappte meine Reisetasche und glitt auf einem donnernden Schwall Kinder zum Bus.

T minus 15 Minuten: Die verbleibende Zeit bis zur Abfahrt lassen sich recht einfach beschreiben: Alle Kinder in den Bus, etliche Mamas hinterher, Mamas raus, einige Kinder heulen drinnen, einige Mamas draußen, Väter belehren ihre Söhne, Söhne ignorieren Ihre Väter. Die Kinder bekommen das übliche „sei fein lieb“ und das „höre was der Lehrer sagt“ mit auf den Weg gegeben. Die ersten Krabbler sind in ihren Sitzen versunken und geben sich einem Comic oder ihrem iPod hin, andere tauschen ihre Lego® Starwars© Karten, ein oder zwei sind eingenickt weil sie vor Aufregung über die erste Klassenfahrt nur wenig geschlafen haben.

T minus 3 Minuten: Hinter dem Fahrer sitzt ein kleines Mäuschen und schaut recht traurig drein…sie ist seit 10 Tagen die Neue in der Klasse, niemand wollte neben ihr sitzen… Mama und Oma stehen draußen neben dem Fenster und bestärken sie beim Traurig sein durch recht nutzloses gemeinsames Heulen. Unsere Klassenlehrerin setzt sich zu ihr und baut sie mit ein paar kuschelig motivierenden Worten wieder auf. Ich hab sie auch gehört und schöpfe wieder Mut für die kommenden 3 Tage.

T minus 1 Minute: Der Busfahrer startet den Motor, die Türen werden verriegelt, die beiden im Bus befindlichen Lehrerinnen zählen ob ausreichend Kindez dabei sind, mit einem schnellen Blick in die Spiegel versichert sich unser Pilot, das sich keine Mama draußen am Bus festgebissen hat… erste Gang…. Lift off…. 55 Stunden Wahnsinn starten.

Nach einer überraschend ereignislosen Fahrt erreichen wir das Basislager in Dahlen. Während sich die Organisatoren der Anmeldeprozedur hingaben, versammelten sich die ca. 70 Kinder samt deren Gepäck auf der Eingangstreppe zur Jugendherberge… zumindest versuchten alle auf die 3×4 Meter große Treppe zu klettern. Tumult, Chaos, Quetschungen, Tod oder schlimmeres drohten sich an und ließen sich auch von dem liebevoll in die Massen gehauchtem „Vorsichtig Kinder, passt auf“ nicht abwenden.

Mein Einsatz schien gekommen. Ich trat meine Zigarette aus, die ich blickgeschützt hinter dem Bus geraucht hatte. Meine Reisetasche geschultert, stellte ich mich Mittig vor die Treppe, formte Daumen und Zeigefinger zum Ring und Pfiff auf diesem mit aller Kraft. Was bei meinem Kinderchen seit Anbeginn ihrer Zeit funktioniert, sollte doch auch hier klappen. 4 Kilohertz mit 113 Dezibel pressten sich erbarmungslos über jedes Geschrei und jeden Ipod in die Ohren aller Anwesenden und verliehen dem anschließendem „runter da und alle in eine Reihe stellen“ so extrem Nachdruck, das aller Treppenstürmer sofort die Empore verließen, auch die Erwachsenen. Irgendwo aus dem langsam aufkeimenden Gemurmel vernahm ich eine Lehrerin zu sagen „gut das ein Mann ist, der sich durchsetzen kann“… sie kennt mich scheinbar nicht näher.

Nach dem Check In wurden Zimmernummer preisgegeben und die Gruppen stürmten lauthals die Basis. Ich hatte Zimmer 5, eine Einzelzelle moderner Bauart. Bett, Schrank, Tisch, Stuhl und ein Waschbecken. Die Bettwäsche hatte ich mir auf dem Weg zum Zimmer mitgenommen und nach 10 Minuten war mein Schrank gefüllt und mein Bett vorschriftsmäßig bezogen und rechtwinklig gefaltet…. Nun durchschritt ich die Jungszimmer der 3a um den gleichen Zustand vorzufinden, was mir natürlich nicht gelang. Einige der Racker hatten gar nicht vor in Bettwäsche zu übernachten, andere haben sich bei dem Versuch ihr Bett zu beziehen, in ein Bettlackengespenst verwandelt. Mit 3x vormachen und einigen Tips konnte ich die Situation ins Loot bringen. Das freundliche Lächeln unserer Klassenlehrerin zeigt mir, das meine Methode die Jungs an ihr Ziel zu führen, wohl doch nicht allzu sehr mit ihren Vorstellungen kollidierte. Die Zimmer hatten sich Teamnamen ausgesucht.. die Starken und die Kohlköpfe, die sie dreifach und lauthals nach meinem „wer seid ihr?“ durch das Haus riefen… Es klang wohl ein bisschen wie bei der Armee, aber meine beiden Sealteams hatten sichtlich Spass dabei. Kasim, ein Junge aus Max´ Zimmer flüsterte meinem Spross zu „Dein Papa ist richtig cool“ Das ging runter wie Öl und bestärkte meine durch 70 Kinderstimmen ins wanken geratene Selbstsicherheit. Schließlich entgeht Kindern kein Fehler oder Missgeschick und das wollte ich ja vermeiden.

Um 12 Uhr sollte es Mittag geben und danach ist eine Försterwanderung geplant.

Mittagessen… Raubtierfütterung traf es ehr. Blöd, das die Essensausgeberinnen die Geschwindigkeit eine hüftkranken Schildkröte zeigten und sich der Fütterungsvorgang doch sehr in die Länge zog. Den Ohrenbetäubenden Lärm der Protonrakete beendete mein Pfeifton und kaum 30 Minuten später konnten auch die Erwachsenen hastig etwas nahrhaftes in sich hineinschlingen. Seit der Klassenfahrt trage ich mich mit dem Wunsch, Magengeschwüre als typische Berufskrankheit des Erziehungswesen zu bezeichnen. Die Försterwanderung sollte mich den verschiedenen Kindercharakteren der 3 a näher bringen. Wie in allen anderen Schulklassen auch vertreten, zeigten sich recht schnell die Vertretenen Gattungen: Labertasche, Mitleidfarmer, Verzogenes Balg, Mauerblümchen, Mitläufer, Bummeltriene u.v.m.

Ich glaube es war J.W.Goethe, der mal sagte „man muss Kinder nicht erziehen, sie machen sowieso alles nach.“ Ich kann mir zwar immer noch nicht vorstellen, wer seinem Kind gelehrt hat, Tiere zu töten, aber ein paar Zornige Worte des Försters und eine strenge Disziplinarmaßnahme unserer sonst so sanften Klassenlehrerin verhinderten schlimmeres und so ließ nur ein Mistkäfer sein Leben und eine Nacktschnecke kam mit dem Schrecken davon. Weitere Vorfälle geistiger Umnachtung bezogen sich nur noch auf Wortwahl oder Missachtung von Anweisungen. Alles in allem ein sehr schöner und aufschlussreicher Nachmittag, der in einer abendlichen Raubtierfütterung enden sollte.

Danach ging es zum Schloss Dahlen. Besichtigung mit anschließender Nachtwanderung stand auf dem Plan. Beim Abendbrot gab nicht mehr Grund zu klagen, als bei allen anderen Mahlzeiten davor und danach… kaum Verletzte, wenig Blut.

Zum Abmarsch ins Schloss versammelten sich alle frisch gefütterten Quälgeister vor dem Landheim und spielten erwartungsvoll mit ihren Taschenlampen. Kurz nach dem Verlassen des Basislagers verließ unsere Klassenlehrerin den kürzesten Weg zum Schloss, um den Konvoi über einen Feldweg durch einen kleinen Park zu führen. Der Park gehörte zu der Ruine die sich in Machern Schloss nannte und hatte einen deutlich besseren Zustand als selbige. Er war intakt. Drei kleine Teiche säumten unseren Weg, in einem war ein Springbrunnen platziert, der im Gegensatz zu unseren Kindern leise und friedlich vor sich hin sprudelte. Eine Ente suchte das weite, als ein faustgroßer Stein unseren Sauhaufen verließ und in ihre Richtung flog. Es gelang mir nicht den Werfer auszumachen, so zogen wir weiter. Das Schloss, vielmehr dessen Überreste wirkte wie ein überdimensionaler Klotz, der von unten durch eine grüne Betonplatte geschossen wurde. Anfang der 70´er Jahre abgebrannt, vegetiert es seinem endgültigen Verfall entgegen. Ein paar Eingeborene zögern mit Hilfe von Sponsorengeldern den unvermeidlichen Witterungstod hinaus. Ein Paar dieser Leute empfingen uns am Eingang, trennten die Gruppe in zwei Teile und begannen die Führung durch die Schlossruine. Mehr oder weniger wissenswerte und reichlich langweilig uninteressante Schlossgeschichte wurde uns vorgetragen. Unser Dungeonkeeper fügte ab und an so überzeugend zeitgeschichtliche Verknüpfungen ein, das ich es im nachhinein für eine reife Leistung hielt, während meines letzten Schuljahres ein Verhältnis mit der Tochter meiner Geschichtslehrerin zu haben…nur um mir die Geschichtsprüfung zu ersparen.

Ich kapierte rein gar nichts und den Kindern ging es genau so wie mir. Es hatte den Anschein, als würde uns jemand die Bedienungsanleitung eines russischen Kernspintomographen auf Aramäisch vortragen. Der Bau hatte nichts Ansehnliches mehr und auch eine Folterkammer gab es nicht zu besichtigen. Endlich ging es heimwärts, die Nachtwanderung stand bevor. Eine der Lehrerinnen hatte deutlich mehr Angst als die Kinder und schlug vor, die befestigte Straße für den Heimweg zu wählen. Viele traurige kleine Gesichte und scheinbar umsonst mitgebrauchte Taschenlampen trieben mich dazu, den Feldweg durch den Park als einzig brauchbare Möglichkeit zu vertreten. Wir machten uns auf den Feldweg. Ängstlich Blicke, mit lauter Stimme überspielte Unsicherheit und Sorgenfalten waren deutlich erkennbare Zeichen in den Gesichtern der Pädagoginnen, als wir den Waldweg beschritten. Da keine Gespenster und Monster gebucht waren, kamen auch keine und wir erreichten die Herberge kaum 40 Minuten später. Der rumorende Haufen wurde zur Nachtruhe abkommandiert. Nach einigen lauten Worten meinerseits und der Androhung von nächtlichem Sport kehrte Ruhe in Bootcamp ein. „Wer nicht in 5 Minuten bettfertig ist, macht mit mir vorm Huas Liegestütze bis ich nicht mehr kann“… diesen Satz ließ ich in allen, mir anvertrauten Zimmern wirken. Die meisten der Geister hatten mich Nachmittags an der Tischtennisplatte beim liegestützen mit meinem Sohn gesehen und ahnten das ich a) ernst machen und b) lange durchhalten würde. In Max´s Zimmer ergänzte mein Lieblingssohn „oh oh, dann schlafen wir lieber, Papa kann echt viele Liegestütze, heute Nachmittag hat er mit mir 40 gemacht.“ Endlich war Ruhe und ich konnte den Schmerz in den Armen mit Rotwein betäuben, bevor ich meinen frisch bezogenen Schlafstein benutzen konnte. Ich verwende Schaumgummimatratzen, das schein aber bei Jugendherbergen unüblich. Der Wein ließ mich auch das ertragen. Der Schlaf war nötig und wichtig…Tag 2 war ja schon angebrochen…..