Viren, Trojaner und Rassismus

Es ist schon ein paar Tage her, das ich das allererste mal an einem Computer gesessen habe. Damit galt ich in der siebten Klasse als technologischer Vorreiter und Guru aller Computerspiele. Regelmäßig, fast permanent klingelte es an der Tür und einer meiner Freunde wollte mich besuchen. Genau genommen wollte mich keiner besuchen, sondern gab dies vor, um sich mit Olympia-Games ´88, PacMen und Kakao den Nachmittag zu versüßen. Meine Versuche, die Modellbahn meines großen Bruders per PC zu steuern oder grafischer Darstellung einer Mandelbrotmengenberechnung stießen auf wenig Begeisterung bei meinen Klassenkammeraden.  Der PC war mehr eine Spielekonsole mit Schreibmaschinenfunktion. Die meisten Menschen gaben offen zu, sie hätten keine Ahnung von Computern und müssten sich helfen lassen.Damals waren die Menschen noch ehrlich… bei sowas.

Von Viren oder gar Trojanern hatte niemand etwas gehört und das, was über den BASIC-Kurs der Volkshochschule hinaus ging, wurde für unmöglich gehalten.

Diskussionen unter Computerfreak auf dem Schulhof der Karl-Marx-EOS endeten oft mit einem „In meinem Handbuch steht das aber anders“ und schwere Computerproblem wurden mit dem Resetknopf repariert. Damals wurden Computer modern und der Kampf ums Wohnzimmer zwischen PC gegen C64 und Amiga war in vollem Gange.

Kaum 5 Jahre später war das Internet erfunden, aber zum Glück noch nicht in Deutschlang angekommen. Seltsamerweise ernannten sich immer mehr Leute zum Computerfachmann, weil sie einen Aldi-Computer ihr Eigen nannten und gerade daran tüftelten, ein Rennspiel auf ihrem PC zu starten. Auf Nachfrage, welches Problem bestünde, wurde sehr komplex erklärt woran es wohl läge… “ich bin zu dumm“ war der meistverschwiegene Grund!

Nahezu jede Form von Software wurde per Diskette verbreitet. Meist handelte es sich um eine grauslich anzusehende Version von Strippoker ´93 in Kombination mit einem Virus, welcher den Bootsektor der Festplatte infizierte und den Rest dieses 5 Zoll großen und 256Mbyte fassenden Speicherreliktes löschte.

Die Rettung in Form von 7 MS-DOS Disketten und 16 Windows 3.0 Disketten stand im Regal bereit oder konnte eben beim Schulfreund ausgeliehen werden. Sicherungskopien waren allgegenwärtig, Raubkopien gab es nicht und Kopierschutz … war das Wasserzeichen im 100DM-Schein.

Randgruppen, wie Amiga-User wurden als Grafikfreaks ausgeschlossen und jemand der einen Apple sein eigen nannte, wurde als Journalist abgestempelt. Die meisten der Computerfachleute dieser Zeit haben einen iMac noch für einen Burger gehalten und Linux für eine hochinfektiöse Geschlechtskrankheit. Besonders fähige Leute trauten sich schon mal, einen Computer zu öffnen um an verstaubten Leitungen zu wackeln. Bei der Gelegenheit wurden Baugruppen namentlich benannt, um Fachkompetenz und Erfahrung zu untermauern. War das Budget des Hilfesuchenden groß genug, wurde natürlich gleich der Wechsel diverser Teile empfohlen. Professionelle Helfer gönnten sich gerne eine ausgiebige Virensuche und größere Datensicherung. Schließlich lief die Arbeitsstundenuhr zu Gunsten des vermeintlichen Fachmannes!
Langsam etablierte sich der Computer vom Spielesklaven im Kinderzimmer zum alltäglichen Gebrauchsgegenstand und deshalb wuchs auch rasch die Auswahl.
Viren, Würmer, Trojaner und was es sonst noch so gab, beseitigte der besorgte Besitzer wöchentlich mit einem überteuerten Internet-Security-Tool, welches er im Technikfachmarkt im Angebot gefunden hatte. Repairtool, Registrycleaner und sonst was für Zeug sorgte, wöchentlich benutzt, für Funktionssicherheit. Die Social-Networks waren noch in ihren Kinderschuhen in Amerika unterwegs und hatten im täglichen Leben noch nichts zu suchen. Der Rechensklave stand im Arbeitszimmer oder in der Stube und war dort völlig sicher vor allen Angriffen der Außenwelt… weil er nicht mit dem Internet verbunden war!

Irgendwann war es dann doch so weit:
das bitten der pubertären Sprösslinge, die Kollegin der Ehefrau mit den tollen Internetabnehmtipps oder Papa´s Kollege, der jeden Abend neue Pornos im Internet findet, manchmal waren es auch nur die fallenden ISDN-Preise…    „wir haben jetzt Internet zuhause“
An dieser Stelle wurde der digitale Rassismus unbewusst zum Leben erweckt.
Mit unzähligen neuen, unkontrollierten Quellen bezieht der mittlerweile überinformierte Nutzer Unmengen an Informationen, wo, was, wie und wer besser, schneller, billiger, größer sei. Die Qualität der Informationsquellen wird nicht mehr berücksichtig… es stand im Internet, reicht neuerdings als Begründung.
Mein Auto ist besser als deines, dieses Handy kann mehr als jenes, dieses Bauteil gehört keinesfalls in einen Computer, es muss derundder Hersteller sein.
Ich begrenze mich mal auf Computer obwohl es für medizinisches, telekommunikatives, finanztechnisches u.v.m genau so zutrifft.
Heutzutage glauben erschrecken viele Menschen, basierend auf ihren zusammengekehrten Halbwissen, es stünde ihnen zu, Dinge, Werte oder Verhalten beurteilen zu dürfen.
Es ist nicht mal zwei Monate her, dass mir ein Bekannter sagte „geh mit Deinem Mac weg“. Spontan fragte ich was er gegen meinen Mac habe und ließ mir erklären, das es mit dem Mac nur Probleme gäbe, keine Spiele richtig laufen würden und Software gäbe es auch keine dafür. Mein Interesse war geweckt und ich hoffte auf mehr Information.
„Ich mag einfach kein Obst“ mehr Gründe hörte ich nicht und fragte nach Details.
Leider vergebens, er war damit beschäftigt seinen PC während unserer LAN-Party dazu zu bringen, mit allen anderen Anwesenden zu spielen. Da ich keine weiteren Argumente erhielt setzte ich mich an meinen, von ihm schlechtgemachten Computer und spielte mit. Gehen konnte ich nicht, mein „Böser Mac“ stellte den Server auf dem sich alle anderen eingespielt hatten. Das sein Laptop nicht funktionierte, war ..logischerweise, meine Schuld, da ich ja einen Apple benutzte und er deshalb Probleme hätte…
Ein Computerrassist wie er im Lehrbuch stünde, sollte es mal ein Rassistenhandbuch geben.

Nirgendwo ist Arroganz mit Technikrassismus und Unwissenheit gepaart, wie beim Handynutzer. Als ehemaliger B-Netz-Mobiltelefonbesitzer denke ich gern an die Zeit, als mein Telefon 6 kg wog und nach 4-6 Stunden geladen weder musste. Heute ist man schon schlecht beraten wenn man ein iPhone mit 3,5 Zoll Display benutzt…denn da ist ein Apfel drauf und das Samsung xyc hat ja ein „riesiges“ 4 Zoll Display…. welches zum telefonieren in einem miserabel versorgen billig-Netz viel besser ist… die 12,5 Millimeter mehr Bildschirm entschädigen auch mal für 2 Monate warten auf die eigene Rufnummer oder eine fast chronische Nichterreichbarkeit! Geht’s noch???

Die vor langer Zeit ehrlich eingestandene Unwissenheit ist dem internetbasierten, gefährlichem Halbwissen gewichen. Und im Gegensatz zum alten Doktor Faust, bemerken heute auch vermeintlich schlaue Köpfe nicht mehr, das sie trotz vieler Jahre Studiums nichts wissen können. Ohne den Gedanken der Nachprüfung, werden Fakemeldungen und HOAXes bei Facebook verteilt und der Zeitschrift Guter Rat, alles Mögliche und leider auch alles Unmögliche geglaubt.

„Das ist der beste Laptop bis 500 €, steht so im Testbericht…“ ließ ich mich vor kurzen von einem befreundeten Computersuperspezialfachmann aufklären. Er arbeitet tagsüber als Aushilfe in einer Malerfirma, weil ihn natürlich keiner mit seiner enormen Vorbildungen bezahlen kann und er deshalb keinen Job als Steve Jobs oder Bill Gates findet. Ich machte mir die Mühe und suchte den Test heraus… es war gar nicht einfach, den einen Test zu finden, in dem seine Rechenkrücke gewonnen hatte, aber es gelang mir.
Der Testbericht laß sich wie ein JackAssDrehbuch für Informatiker.
Funktionalität nach Abstützen wurde gewertet… nicht Softwaretechnisches, sondern nach FALLHÖHE sortiert und auch die über die Tastatur aufzunehmende Menge an Kaffee, floss erheblich in die Benotung ein.
Bei der Ausstattung erzielte ein dritter USB-Slot mehr Punkte als der Arbeitsspeicher. Nutzungsdauer und Akkulaufzeiten waren gar nicht aufgeführt… wozu auch, es gibt ja ein Netzteil mit „Internationalem Steckeradapter“ dazu!
Letztlich gewann das Spitzenmodel auch weil es mit Windows 8 ausgeliefert wurde. … juhu…

Die Krönung erlebte ich auf einem Seminar, wo mir ein sonst recht pfiffiger Kollege von meinem MacBook abriet, weil Apple ja kein Flash unterstütze… soso!
Im Laufe des Abends hatte ich das fragwürdige Vergnügen, eben diesen allwissenden Tippgeber beim Erstellen seiner privaten Homepage zu beobachten… mit Frontpage 97.
Als mein Sohn 4 Jahre alt war, erziehle er schönere Ergebnisse auf seinem Magna Doodle!

Heutzutage glauben immer mehr Leute, das alle FBI Mitarbeiter mit Vornamen Agent heißen. Das sind dann diejenigen die Kettenbriefe versenden, um vor Kettenbriefen zu warnen oder wahllos Fakebilder von misshandelten Hunden oder verschwundenen Kinder bei Facebook teilen…
Der gute Wille, gepaart mit einem Internetzugang und dessen unglaubwürdige Quellen, bringen Informationen hervor die genauso nützlich und wertvoll sind wie eine Sollbruchstelle an einem Gipsbein.
Das ersparte selber denken, lässt so viele Menschen glauben:
Kinderfernsehen ist immer für Kinder geeignet, Kinderschokolade ist gut für Kinder,
Zitronenlimonade wird aus Zitronen gemacht, Diätpillen funktionieren wirklich,
Verona kauft bei Kik, der Grüne Punkt diene dem Umweltschutz,
Smarts dürften Quer parken, die Erde ist eine Scheibe und last but not least:
es gibt profitunabhängigen, investigativen Journalismus außerhalb von RTLplus.

In diesem Sinne:

„Das Dumme an Zitaten aus dem Internet ist,
dass man nie weiß, ob sie wahr sind.“

Leonardo da Vinci
vegetarischer Metzgermeister &
kubanischer Freiheitskämpfer
1209-1344

PS: Danke für die Berufsangabe an Henry J. (BitArtDesigner)

Die Geschichte vom Steuersystem

Es waren einmal zehn Freunde, die trafen sich
jeden Tag zum gemeinsamen Mittagessen in der
Dorfschenke ihres Dorfes.

Jeder von Ihnen bestellte für 10 Euro Essen und Trinken, so dass sich
die Zeche jedes Mal auf 100 Euro belief. Da jeder der zehn Freunde ganz ein ganz
unterschiedliches Einkommen hatte, d.h. von sehr knapp bis recht vermögend,
kamen sie überein, die Rechnung so aufzuteilen, wie es ihrer Steuerlast
entsprach:

  • Die ersten Vier, die Ärmsten der zehn Freunde, bezahlten nichts
  • Der Fünfte bezahlte 1 Euro
  • Der Sechste 3 Euro
  • Der Siebte 7 Euro
  • Der Achte 12 Euro
  • Der Neunte 18 Euro
  • Der Zehnte, der Reichste von allen, bezahlte 59 Euro

So waren alle zufrieden und wenn nichts dazwischen gekommen wäre, so würden
sie noch heute in Eintracht in Ihrem Stammlokal speisen.

Eines Tages
aber, machte Ihnen der Wirt ein unwiderstehliches Angebot. Weil die zehn Freunde
doch seine Stammgäste seien, und er ganz gut über die Runden käme, brauchten sie
ab sofort 20 Euro weniger bezahlen.

Die tägliche Rechnung betrug somit
nur noch 80 Euro, welche die zehn weiterhin nach
bewährtem Muster aufteilen
wollten. Also rechneten sie aus, wie viel jeder nun weniger bezahlen müsste,
wieder ganz konform zu ihrer jeweiligen Steuerlast.

  • Die ersten Vier bekamen nichts zurück, sie konnten wie bisher umsonst essen
  • Der Fünfte bekam eine Ersparnis von 1 Euro und musste ebenfalls gar nichts
    mehr bezahlen
  • Der Sechste bekam eine Ersparnis von 1 Euro und zahlte nun 2 statt 3 Euro
  • Der Siebte hätte jetzt 5 statt 7 Euro, also 2 Euro weniger
  • Der Achte bezahle jetzt 9 statt 12 Euro, also 3 Euro weniger
  • Der Neunte musste nun 14 Euro statt wie bisher 18 Euro beisteuern, somit 4
    Euro weniger
  • Und der Zehnte schließlich bezahle ab sofort nur noch 50 statt der
    bisherigen 59 Euro, also 9 Euro weniger

Die neue Vereinbarung schien allen gerecht, fuhr doch jeder der sechs
Zahlenden besser als vor dem Preisnachlass. Dann aber, beim Verlassen des
Gasthauses regte sich ein allgemeines Misstrauen und die Freunde verglichen Ihre
Ersparnis:

  • Die ersten Vier 0 Euro
  • Der Fünfte 1 Euro
  • Der Sechste 1 Euro
  • Der Siebte 2 Euro
  • Der Achte 3 Euro
  • Der Neunte 4 Euro
  • Der Zehnte 9 Euro

„Ich erhalte nur 1 Euro von den 20, er aber bekommt 9 Euro!“, murrte der
Sechste und zeigte dabei auf den zehnten Freund. „Stimmt.“ pflichtete der Fünfte
bei, „Auch ich fahre nur 1 Euro günstiger.“ „Das geht doch nicht an, dass er
neunmal mehr erhält als ich!“ „Genau!“, empörte sich der Siebte, „Warum soll er
9 Euro abbekommen, und mir bleiben nur 2 Euro? Immer profitieren nur die
Reichen!“ „Jetzt aber langsam!“, schreien die ersten vier aus voller Kehle, „Wir
haben überhaupt nichts davon. Das System beutet die Armen aus!“ Die neun
umringten den Zehnten und schlugen erbost auf ihn ein.

Die Konsequenz

Am nächsten Abend aber erschien der Zehnte nicht zum Essen. Die übrigen neun
blieben unter sich, und als der Wirt ihnen die Rechnung vorlegte, stellten sie
verwundert fest: Auch wenn sie alle ihre Anteile zusammenlegten, reichte dies
nicht einmal für die Begleichung der halben Zeche aus.

Fazit:
Wer immer nur auf diejenigen einprügelt,
die die höchsten Steuern zahlen,
muss sich nicht wundern,
wenn er zum Schluss die Zeche alleine zahlen muss.